Mittwoch, 27. März 2019

Piloten informieren Nasa über Probleme Boeing will weltweites Startverbot für 737 Max

Boeing 737 Max 8: Viele Fluggesellschaften haben den Flugzeugtyp bislang eingesetzt

Nach neuen Erkenntnissen der Raumfahrtbehörde Nasa ist auch in den USA der Luftraum für die Boeing 737 Max gesperrt. Das Startverbot könnte Monate andauern. Nun zieht der Flugzeugbauer die Reißleine und will sämtliche Maschinen dieses Typs weltweit am Boden halten.

Nach dem Absturz eine Boeing 737 Max in Äthiopien mit 157 Toten und dem darauf folgenden Flugverbot in zahlreichen Ländern zieht der US-Konzern die Reißleine und will nun sämtliche Maschinen des Typs weltweit am Boden halten. Boeing Börsen-Chart zeigen empfehle der US-Flugaufsicht FAA vorsorglich ein vorübergehendes Flugverbot für die weltweit 371 Maschinen, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit.

Unmittelbar zuvor hatte US-Präsident Donald Trump ein entsprechendes Verbot für die 737 Max in den USA angeordnet. Der Druck auf die USA war zuletzt stetig gewachsen, nachdem viele Länder den Einsatz der Flieger untersagt hatten - zuletzt der US-Nachbar Kanada.

Und die Maschinen dürften wohl Monate am Boden bleiben: Die US-Luftfahrtbehörde FAA jedenfalls stellt sich auf eine längere Stilllegung der Maschinen des Typs ein. Er rechne mit einer Wiederaufnahme der Flüge "innerhalb von ein paar Monaten", sagte der amtierende Behördenchef Daniel Elwell vor Journalisten, wie unter anderem das "Wall Street Journal" in der Nacht zum Donnerstag berichtete.

Am Wochenende war eine 737 Max 8 in Äthiopien aus bislang ungeklärten Gründen abgestürzt. Einige Monate zuvor war auch in Indonesien eine 737 Max 8 niedergegangen, hier starben 189 Menschen. Die 737 Max ist ein neues Modell, das erst seit 2017 ausgeliefert wird, und für Boeing wirtschaftlich von großer Bedeutung. Die Boeing-Aktien, die zum Wochenbeginn bereits rund 11 Prozent verloren hatten, sackten am Mittwoch um weitere rund 3 Prozent ab.

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Bild: REUTERS

Erkenntnisse aus Satelliten-Daten ziehen Grounding in den USA nach sich

Boeing erklärte am Mittwoch, der Konzern tue alles ihm mögliche, um die Ursachen der Abstürze herauszufinden. Dabei arbeite man mit den Behörden zusammen. Gleichwohl habe Boeing weiter vollstes Vertrauen in die Sicherheit der 737 Max. Die US-Flugaufsicht teilte kurz nach der Boeing-Ankündigung mit, die Maschinen müssten in den USA am Boden bleiben. Diese Entscheidung fuße auch auf neue Erkenntnisse aus Satelliten-Daten, die der Behörde am Mittwoch zugegangen seien. Die großen US-Fluglinien Southwest Airlines, American Airlines und United hatten bis zuletzt bekräftigt, sie hätten Vertrauen in ihre Boeing-Flotten.

Ethiopian Airlines hatte am Mittwoch erste Hinweise auf mögliche Ursachen des Absturzes ihrer Maschine gegeben. Der Pilot habe Probleme mit der Flugkontrolle gemeldet, aber keine äußeren Faktoren wie etwa Vogelschlag, sagte ein Sprecher der Airline. Unmittelbar vor dem Absturz am Sonntag habe der Pilot noch die Freigabe zur Rückkehr an den Flughafen erhalten.

Die Black Box mit Stimmenrekorder und Flugdaten der Maschine soll nun in Europa ausgewertet werden - allerdings nicht in Deutschland. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hatte erklärt, sie verfüge nicht über die entsprechende Software.

Piloten berichten NASA von Problemen mit der Flugkontrolle

Einmal mehr könnte nun eine Funktion der 737 Max überprüft werden, die bei einem steilen Steigflug einen Strömungsabriss durch das automatische Absenken der Flugzeugnase verhindert. Es wurde schon beim Lion-Air-Unglück vermutet, falsche Sensordaten hätten den Absturz verursacht, weil der Pilot nicht mehr eingreifen konnte. Klarheit darüber gibt es aber noch nicht.

Gleichwohl gingen bei der Nasa, der US-Bundesbehörde für Raumfahrt, weitere Hinweise von Piloten über dieses Problem ein, wie aus Reuters vorliegenden Dokumenten hervorgeht. Nach Darstellung der Flugbeobachtungs-Plattform Flightradar24 sackte die am Wochenende verunglückte Ethiopian-Maschine nach einem Aufstieg ab und ging sofort wieder hoch, bevor sie vom Radar verschwand.


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Norwegian Air fordert Schadenersatz von Boeing

Als erste Airline kündigte die von Flugverboten betroffene Norwegian Air an, von Boeing Schadenersatz zu fordern. Der finanziell angeschlagene Billigflieger gehört zu den größten Abnehmern der Boeing 737 Max in Europa. Die Airline strich am Mittwoch rund drei Dutzend Abflüge aus Skandinavien, buchte die Passagiere um und setzte andere Flugzeuge ein. Die Kosten dafür wolle sie nicht selbst tragen.

Ob auch andere Fluggesellschaft Schadenersatz fordern, ist noch nicht bekannt, bei einem länger anhaltenden Startverbot der Maschinen aber nicht auszuschließen. Der weltgrößte Reisekonzern Tui bezifferte gegenüber dem "Handelsblatt" die Kosten für den Flugstopp der seiner Mittelstreckenflugzeuge vom Typ Boeing 737 Max auf rund drei Millionen Euro pro Woche. Betroffen seien alle 15 Maschinen. Die Maschinen sind in Großbritannien und den Benelux-Staaten auf Strecken zu den Kanaren oder den Kapverden im Einsatz.

Zahlreiche Länder sperren den Luftraum

Seit Dienstagabend ist der Luftraum für die Maschine in zahlreichen Ländern gesperrt, darunter die 32 Mitgliedsländer der Europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA, zu denen auch Deutschland gehört. Auch die Türkei, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait, Australien, Neuseeland, Vietnam, Singapur und Malaysia verbannten die Boeing 737 Max aus dem Luftraum, in Afrika tat dies Äquatorialguinea. Namibia verbot Starts und Landungen auf seinen Flughäfen, lässt den Überflug aber weiter zu.

In den für Boeing wichtigen Märkten China und Indonesien dürfen heimische Airlines die 737 Max 8 schon seit Montag nicht mehr einsetzen. Rund ein Dutzend chinesische Fluggesellschaften besitzen 76 Maschinen aus der 737-Max-Familie. Auch Oman, Südkorea, die Mongolei und Kasachstan verboten Flüge mit der Boeing. Indien verbot zwei seiner Fluggesellschaften den Einsatz der Maschine.

rei/dpa/Reuters

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