Samstag, 23. März 2019

Kritik von Piloten, Behörden ermitteln Wie der Lion-Air-Crash zum Boeing-Skandal werden könnte

Flugsimulator von Lion Air

Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Absturz des Lion-Air-Flugs JT 610 über der Javasee am 29. Oktober völlig aufgeklärt ist. Schon jetzt aber deutet sich an, dass das bisher tödlichste Unglück einer Boeing 737 - des meistverkauften Passagierjets der Welt - Folgen für die Luftfahrtindustrie haben dürfte.

189 Tote in einem nagelneuen Flugzeug, das bei gutem Wetter kurz nach dem Start von der indonesischen Hauptstadt Jakarta plötzlich steil ins Meer stürzte - das wirft Fragen auf.

Bislang schien die plausibelste Erklärung auf überforderte Piloten deuten. Erste Erkenntnisse der indonesischen Ermittler besagen, dass ein Sensor fehlerhafte Daten zum Anstellwinkel (Angle of Attack, AOA) gemeldet habe, worauf die Maschine automatisch den Kurs korrigierte - in dem Fall auf Sinkflug.

Schon der vorangegangene Flug derselben Maschine soll wegen eines fehlerhaften AOA-Sensors in Turbulenzen kurz unterhalb der Schwelle zum Notruf geraten sein, woraufhin der Sensor in Jakarta ausgetauscht wurde. Warum auch der neue Sensor verrückt spielte, ist bisher offen.

Jedenfalls nahm der Hersteller Boeing Börsen-Chart zeigen die Erkenntnisse in der vergangenen Woche zum Anlass, eine Empfehlung an Piloten des neuen Modells 737 Max 8 herauszugeben. Tags darauf gab auch die US-Luftfahrtbehörde FAA eine so genannte dringende Lufttüchtigkeitsanweisung heraus.

Die Mitteilung bestand jedoch nur in einem Verweis auf "bestehende Prozeduren". Der Automatismus zur Kurskorrektur läuft selbst bei ausgeschaltetem Autopilot, kann aber auch manuell überwunden werden. Das dazu nötige Vorgehen, so die Darstellung von Boeing, hätten die Piloten von jeher ihren Handbüchern entnehmen können. Das neue Modell habe nichts an der geübten Praxis geändert. Vor allem: "Wir vertrauen auf die Sicherheit der 737 Max."

Ein vermeidbarer Pilotenfehler, aber erklärbar durch den Stress einer Vielzahl neuer Signale in der Kabine im Widerstreit zwischen Automatisierung und Handbetrieb - schon das wäre Grund genug, die eingesetzte Technik zu hinterfragen.

Doch nach einem Bericht des "Wall Street Journal" (kostenpflichtig) von Dienstag gibt es noch eine andere Erklärung, die Boeing deutlich schlechter aussehen lässt: Der Hersteller habe nach Ansicht von Ermittlern der indonesischen und US-Luftfahrtbehörden ebenso wie von Piloten wichtige neue Softwarefunktionen des Systems namens MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System), das mit dem neuen Modell 2017 eingeführt wurde, verschwiegen haben.

"Wir sind sauer, dass Boeing die Firmen nicht aufgeklärt hat, und die Piloten haben offensichtlich auch nichts erfahren", schimpfte Jon Weaks, Chef der Pilotengewerkschaft von Southwest Airlines. "Ziemlich idiotisch" nannte Mike Michaelis vom Sicherheitsausschuss der Pilotenvereinigung von American Airlines das Vorgehen. "Warum wurden die Piloten dafür nicht ausgebildet?"

Laut dem Bericht habe Boeing entschieden, dass zu viel Information die Piloten überfordern könnte. Das wird nun korrigiert - die FAA hat Boeing am Montag angewiesen, die Pilotenhandbücher zu ergänzen. Ansonsten verweist sie auf laufende Ermittlungen.

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