Samstag, 16. Dezember 2017

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Chinesische Bikesharing-Firmen kollabieren Auf diesen Fahrradfriedhof führt der Sharing-Economy-Wahn

Ausrangierte Leihfahrräder in China (Luftaufnahme): Zu Tausenden liegen sie übereinander.

Gelb sind die Fahrräder von Ofo, blau die von Bluegogo, silber-orange die von Mobike. Zu Tausenden liegen sie übereinander. Der "Guardian" schreibt von einem abstrakten Gemälde, zu dem eine Deponie ausrangierter Bikesharing-Räder im südostchinesischen Xiamen - als Sinnbild für den Kollaps des jüngsten Booms der Sharing Economy chinesischer Art.

Bluegogo musste Mitte November Insolvenz anmelden, nicht einmal ein Jahr nach der Firmengründung, aber mit mehr als 20 Millionen registrierten Nutzern und einer 600.000 Stück zählenden Fahrradflotte. "Ich habe Fehler gemacht", reute Gründer Li Gang in einem offenen Brief. "Ich war von Arroganz erfüllt."

Als Gewinner können sich die ebenfalls noch jungen Marktführer Ofo und Mobike fühlen, die 2017 jeweils Milliardenbeträge an neuem Risikokapital einsammelten und damit aggressives Wachstum finanzierten - doch auch deren Fahrradleichen säumen längst die Straßen und landen schließlich auf den großen Deponien. Die "Financial Times" (kostenpflichtig) schreibt vom Platzen einer Blase.

Gerade als der Boom in China an seine Grenzen stößt, kommt er auch nach Deutschland. Mobike, mit dem Internetkonzern Tencent Börsen-Chart zeigen im Rücken, startete in der vergangenen Woche mit 700 Rädern in Berlin. Das ähnlich klingende Obike aus Singapur ist seit August in einigen deutschen Städten präsent - allein in München sorgten 7000 neue Räder gleich für Klagen über versperrte Gehwege. Ofo mit Geld von Tencents Rivalen Alibaba Börsen-Chart zeigen kündigt an, den Kampf um die deutschen Nutzer ebenfalls aufzunehmen.

Bislang lief das Geschäft mit Leihfahrrädern hierzulande in geregelten Bahnen - und lebt meist von kommunalen Zuschüssen. Das von der Deutschen Bahn betriebene System Call-a-bike/Stadtrad - in der Regel an feste Ausleihstationen gebunden - konkurriert allenfalls hier und da mit dem Leipziger Startup Nextbike. Als wilder Ausbruch des Wettbewerbs galt in der Branche schon, als Call-a-bike im März nach gegen Nextbike verlorener Ausschreibung in Berlin zusammen mit dem Discounter Lidl 3500 eigene Räder auf die Straße stellte - ohne Stationszwang.

Zum Vergleich: Allein Peking zählte zuletzt mehr als 2,3 Millionen Bikesharing-Räder von 15 verschiedenen Anbietern - alle aufgestellt in einem wilden Rennen um die Dominanz des Markts, befeuert von Risikokapital. Wer die meisten Räder aufstellt und die meisten Nutzer registriert, hat die größten Überlebenschancen. Wartung und Service kommen bei dem rasanten Wachstum meist erst an zweiter Stelle - und der Verlust mehrerer zehntausend Fahrräder ist leicht zu verschmerzen.

Leihräder neben einem Park in Shenzhen: Leihen, nutzen, wegschmeißen
Zou Bixiong / SIPA Asia / ZUMA Wire / DPA
Leihräder neben einem Park in Shenzhen: Leihen, nutzen, wegschmeißen

"Profite sind gerade nicht unser Anliegen. Wir wollen den Markt ausbauen", erklärte Mobike-Chefin Hu Weiwei. Peking und einige andere chinesische Großstädte haben der Expansion jedoch mit neu eingeführter Regulierung einen Riegel vorgeschoben. Daher muss die Sharing-Economy-Wette nun international fortgeschrieben werden.

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