Montag, 29. August 2016

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Unschöne neue Arbeitswelt (2) Big Data Hype - Schluss mit blinder Dummheit!

Big Data gilt als innovativ und wird bejubelt. Doch hinter diesem Hype steckt teilweise eine gefährliche Fehlausrichtung, die Menschen auf Datenspuren reduziert und den Blick auf wirkliche Chancen der neuen Arbeitswelt verstellt.

Anne Gesthuysen ist sauer, denn Frank Plasberg trifft sich heimlich in Berlin-Mitte mit Frauke Petry. Würde ein Computer Artikel schreiben, so wäre das ein guter Eröffnungssatz, weil Leser so etwas lesen. Und auch Führungskräften kann geholfen werden: Wenn Mitarbeiter häufig das Wort "Sandstrand" googlen, neigen sie zu Burnout und sollten gekündigt werden. Klicken sie dagegen auf Curly Fries (also "gewellte" Pommes Frites) sind sie überdurchschnittlich intelligent. Die ersten beiden Aussagen sind frei erfunden, beschreiben aber "Big Data".

Gegenwärtig erleben wir einen explosionsartigen Hype um genau dieses "Big Data". Glaubt man den auf allen Kanälen aktiven Protagonisten, so sorgt Big Data für Diversität in der Arbeitswelt (Wirtschaftswoche), macht unser Leben einfacher, schöner und gesünder (Stepstone), bindet wichtige Mitarbeiter (Telekom), produziert bessere Spielfilme (Netflix), macht Personalarbeit smarter (Personalwirtschaft) und optimiert nebenbei Energiebilanzen, private Partnerschaften, Bildungsniveaus, innere Sicherheit, Qualität von Zeitungsartikeln sowie Füllstände von Kühlschrankfächern und Bargeldreserven von Big-Data-Programmierern.

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebs-wirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt - von Personalmanagement bis Unternehmens-strategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch "Generation Z". Sein jüngstes Buch "Schizo-Wirtschaft" ist im Campus-Verlag erschienen.

In dieser Euphorie haben selbst konstruktive Kritiker an Big Data schlechte Karten gegenüber den blauäugigen Euphorikern mit ihrer Devise "alles wird besser". Politiker quer durch alle Parteien glauben daran, ohne es genau zu verstehen: Deshalb forcieren sie konsequent und unreflektiert Big Data.

Alles wird besser? Von wegen

Wie das funktioniert, zeigte auf der diesjährigen Berlinale der Dokumentarfilm "Democracy". Hier schildert der Filmemacher David Bernet den Gesetzgebungsprozess rund um eine europäische Regelung zu Big Data als eine langatmig-flache Debatte von Politikern (die kaum eine Ahnung vom Thema haben) und Lobbygruppen (die exakt wissen und bekommen, was sie wollen).

Die Leitung dieses Prozesses übertrug man übrigens dem Europa-Politiker Jan Albrecht, bestens bekannt aus dem YouTube-Klassiker "Jan, Ska & Terry". Obwohl in Spielfilmlänge, offenbart "Democracy" ungewollt die gleiche rührende Naivität wie der YouTube-Clip der drei Europa-Abgeordneten.

Auf der Berlinale gab es auch noch einen anderen Film, der sich filmtechnisch professioneller und jenseits politischer Korrektheit ebenfalls mit Datennetzen befasst. "Zero Days" von Alex Gibney erzählt in seinem Dokumentarfilm zunächst von Nitro Zeus, einem Computerprogramm, das offenbar Atomzentrifugen im Iran in die Luft jagen konnte. Aber noch beängstigender ist die Software mit dem Decknamen "Olympic Games": Sie "saugt" nicht nur aus beliebig-vielen Quellen für Big Data, sondern hat die Macht, derartige Datenmengen substanziell zu verändern und dadurch in Sekunden ganze Staaten lahmzulegen oder individuelle Existenzen zu vernichten. Was Alex Gibney hier schildert, ist ein beklemmend-warnendes Beispiel für die Gefahren entfesselter Daten-Technologien und für die zunehmend unkontrollierte Macht von Herrschern über Daten.

Worüber man in der allgegenwärtigen "Pro-Big-Data"-Propaganda mit ihren teils lustig-verträumten, teils zweifelhaften Delphi-Orakeln zu neuartigen Datenanalysen und neuartigen Arbeitsprozessen kaum spricht, sind die etwas anderen Fragen, auf die Big Data ebenfalls zielt und die unsere Arbeitswelt dramatisch verändern könnten: Welche Menschen haben keine Zukunft und sind daher abzuschreiben? Wer wird ein Verbrechen begehen? Wer ist in der Schule zu fördern und wer nicht? Bei wem lohnt sich keinerlei medizinische Versorgung mehr? Wie kann man medial Menschen am besten manipulieren? Wer ist kreditunwürdig? Wer sollte von jetzt auf gleich aus dem Unternehmen fliegen?


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