Dienstag, 22. Mai 2018

Unschöne neue Arbeitswelt (2) Big Data Hype - Schluss mit blinder Dummheit!

3. Teil: Qualitätsdefizite durch Quantitätssteigerungen kompensieren

Viele - aber zum Glück nicht alle - Verfechter von Big Data weisen darauf hin, dass man auf Theorien, Hypothesenbildung und jeglichen Anflug von wissenschaftlicher Vorgehensweise verzichtet. Man nimmt also irgendwelche Daten und freut sich ohne weiteres Nachdenken über scheinbare Zusammenhänge, die dann sofort ("pragmatisch") zu Handlungen führen. Das klingt beruhigend einfach, ist aber gefährlich: Big Data ohne theoriegesicherte Basis ist wie eine Rennstrecke ohne Leitplanken.

Denkt man weiter, so übertreffen wir bald den Film "Minority Report", wo zukünftige Verbrechen ("Precrime") durch visionäre Menschen ("Precons") erahnt werden. Nur brauchen wir diese Menschen bald nicht mehr: Denn wir haben "Big Data", um "Precrime" zu erkennen. Nur traurigerweise funktioniert das in unserer heutigen Welt offenbar selten bei wirklichen Verbrechen: Hier stehen Bürger ähnlich ungeschützt da, wie vor 1000 Jahren. Das eigentliche Anwendungspotenzial liegt in unserer Arbeitswelt: Arbeitgeber glauben Aktivitäten wie Kündigung oder Umgang mit Minderleistung über Big Data vorhersagen zu können ("Precrime") und handeln dementsprechend - egal ob ihre Vorhersage valide ist.

Doch das stört die Verfechter von Big Data wenig, denn sie gehen davon aus, dass man lediglich ganz viele Daten sammeln muss. Dummerweise führt aber ein Mehr an schlechten Daten nicht automatisch zu einem Mehr an besseren Entscheidungen. Es gilt weiterhin die Müllbehandlungsthese "Garbage in, Garbage out". Also: Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Grundthese von Big Data stimmt, wonach sich Qualitätsdefizite bei Daten durch Quantitätssteigerungen bei Daten kompensieren lassen.

Auf diese Weise entsteht klammheimlich eine ganz neue und angeblich "smarte" Betriebswirtschaftslehre: Sie reduziert Menschen auf Datenspuren und leitet daraus automatisiert-gedankenlos Entscheidungen ab. In dieser schönen neuen Welt verzichtet man an Universitäten auf ethische Überlegungen ebenso wie auf Konsumentenforschung und Personalforschung. Und man ersetzt zukunftsorientierte Lehr- und Forschungseinrichtungen durch rückwärtsgerichtete, trivial-simplifizierende Datenwühler.

In dieser neuen unschönen Arbeitswelt tragen Menschen Messgeräte ("wearables"), die laufend Daten erfassen und unter anderem (aber nicht nur!) an den Arbeitgeber senden. Gleichzeitig aktiviert sich der Rückkanal, der es im Extremfall erlaubt, Menschen (wie in "Zero Days") über das Internet fernzusteuern - und noch viel mehr, wie der Film "In Time - Deine Zeit läuft ab" zeigt. Wer glaubt, dies alles sei unrealistische Utopie, denke nur an die Krankenkassen, die bald das Tragen von Datenarmbändern mit Prämienabschlag honorieren. Der Fantasie sind schon jetzt keine technologischen Grenzen mehr gesetzt.

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