Montag, 16. Juli 2018

Unschöne neue Arbeitswelt (2) Big Data Hype - Schluss mit blinder Dummheit!

2. Teil: Big Data: Was wirklich dahintersteckt

Hinter Big Data stecken zwei Komponenten: Es geht zum einen um große Datenmengen, die aus allen nur denkbaren Quellen zusammengeführt werden. So könnte man von einem Bewerber seine diversen Einträge auf Social Media erheben, sein Einkaufsverhalten im Internet, vielleicht seine medizinischen Daten und die Bewegungsprofile seines Smartphones sowie seine Stimme auf Audio-Nachrichten. Zum anderen geht es um Algorithmen, die in diesen Daten gemeinsames Auftreten von Merkmalen suchen. Damit erstellt man dann etwa aus den Likes auf Facebook-Nutzern sein Persönlichkeitsprofil.

Betrachtet man Big Data aus wissenschaftlicher Sicht, gibt es massive Einwände:

Big Data basiert auf Koinzidenz (Korrelation) und im Regelfall nicht auf Kausalität. Auch wenn Verfechter von Big Data das offen zugeben, bleibt es problematisch. So kann man aus der unbestreitbaren Korrelation zwischen Konsum von Pistazieneis und Sonnenschein sicherlich nicht darauf schließen, dass der Konsum von Pistazieneis die Sonne zum scheinen bringt. Also: Big Data birgt die Gefahr von extremen Fehlentscheidungen.

Wird bei der Koinzidenz zudem auf Signifikanz verzichtet, will man also gar nicht mehr wissen, ob die erkannte Beziehung zufällig ist, dann sind weitere Fehlsteuerungen wahrscheinlich. Ein derartiges Big Data ist damit genauso problematisch wie das Treffen von Entscheidungen auf Basis der Kopfform ("Schädeldeuten").

Aber an diesem Thema wird gearbeitet - und damit wächst die Gefahr weiterer problematischer Anwendungen. So gibt es in der Verhaltensforschung das sanfte Anstupsen ("Nudging"), bei dem Menschen mit subtilen Reizen gesteuert werden. Aber anders als bei Skinner und seinen Ratten liefern jetzt die Menschen als "Big Nudging" laufend Daten über sich selber. Entscheidungsträger, egal ob in Politik, Unternehmen oder Medien, brauchen dann nur noch an den entsprechenden Rädchen zu drehen und wir alle laufen - ohne zu wissen warum - in die uns vorgegebene Richtung, kaufen die vorgegebenen Produkte, wählen die vorgegebenen Politiker und entscheiden uns für die vorgegebenen Arbeitgeber.

Letztlich steckt in jeder App auf dem Smartphone und in jeder Suchmaschine das Potenzial zum Big Nudging. Deshalb ist es grotesk, wenn lautstarke Protagonisten von Demokratie in unserer Arbeitswelt gleichzeitig auch Big Data forcieren, also Mitarbeiter zu fremdgesteuerten Ratten herabstufen, die sogar freiwillig Daten liefern.

Für vieles, was in Zusammenhang mit Big Data steht, gibt es trotz aller kleinen Zustimmungshäkchen bei AGBs keine soliden rechtlichen Grundlagen. Das hält aber kaum jemand vom Spekulieren oder Realisieren von Big Data ab: Datenschutz, Ethik und "informationelle Selbstbestimmung" wirken wie veraltete Relikte aus einem vorigen Jahrtausend, die - wie im Film "Democracy" - kaum jemanden interessieren. Trotzdem: Bei der aktuellen Gesetzeslage scheint vieles von dem gesetzeswidrig, was aktuell bei Big Data angedacht ist.

An dieser Stelle kommt regelmäßig der Einwand, Big Data würde überwiegend mit anonymisierten Daten arbeiten. Nur ist das Weglassen des Namens keine Anonymisierung, wenn die übrigen Merkmale in Verbindung mit anderen Daten eine Ent-Anonymisierung zulassen. Gerade derartige Verknüpfungen bis hin zum Auslesen der Media-Access-Control-Adresse sind Teil der Logik von Big Data. Also: Die angebliche Anonymisierung bei Big Data ist Bluff.

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