Freitag, 29. Juli 2016

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Unkrautvernichter im Bier Was Bierbrauer aus den Glyphosat-Funden lernen können

Pflanzengift-Rückstände: Gefährlich wird deren Konzentration wohl erst bei 1000 Liter Bier pro Tag - doch eine Gefahr für das Image des deutschen Bieres ist die Glyphosat-Affäre allemal

Die deutschen Brauereien stehen schwer in der Kritik. Der Grund: Das private Umweltinstitut aus München hat in einer Stichprobe das Pflanzengift Glyphosat in 14 Biersorten nachgewiesen. Der Stoff gilt als potenziell krebserregend, auch wenn die gemessene Konzentration - zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter - nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) keine unmittelbare Gefahr darstellt. "Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Liter Bier trinken", heißt es.

Ist das eine "Schock-Diagnose", wie die Bild-Zeitung schrieb? Eher nicht. Eine Gefahr für das Image des deutschen Bieres ist es aber sehr wohl. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die mangelnde Nachhaltigkeitspolitik vieler deutscher Unternehmen: Sie sollten ihre Lehren daraus ziehen.

Bier zählt zu den beliebtesten Getränken der Deutschen, es gehört zur DNA unseres Landes wie Autos, Fußball und Weißwurst. Allein die Vorstellung, dieses derart emotional aufgeladene Produkt könnte Krebs auslösen, müsste bei den Markenverantwortlichen der Hersteller einen mittelschweren Kater auslösen.

Henning Zülch
  • Copyright: HHL Leipzig Graduate School of Management
    HHL Leipzig Graduate School of Management
    Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von mehr als 250 Zeitschriftenbeiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerb "Investors' Darling".
So war der Deutsche Brauer-Bund nach Bekanntwerden der Untersuchungsergebnisse denn auch sehr bemüht, hervorzuheben, dass der Einsatz von Glyphosat in Deutschland vor der Ernte verboten sei, aber etwa die Hälfte der hierzulande eingesetzten Braugerste aus Importländern eingeführt werde, "in denen weniger strenge Anwendungsbestimmungen" vorherrschten.

Die Argumentation erinnert an die Debatte über die Sicherheit von Atomkraftwerken: Obgleich Deutschland eines der schärfsten Gesetze zur Nuklearsicherheit hat, machen sich die Menschen Sorgen, weil diese Regeln für die Reaktoren jenseits der Grenzen nicht gelten, eine radioaktive Verstrahlung bei einem Störfall aber nun mal vor diesen nicht haltmacht. So gesehen ist die Gerste aus Polen eine latente Gefahr - wie das Kernkraftwerk in Belgien oder Frankreich.

Was hat der Regenwald mit der Produktion bei Krombacher zu tun?

Was das alles mit Nachhaltigkeit zu tun? Eine ganze Menge! Viele werden sich noch an die Werbeaktion der Krombacher-Brauerei erinnern, die für jeden verkauften Kasten Bier einen Teil des Umsatzerlöses zum Schutze des Regenwaldes spendete. Seit 2002 engagieren sich die Sauerländer gemeinsam mit dem WWF Deutschland für den Schutz bedrohter Waldflächen in Asien. Das ist zweifellos eine gute Sache, zusätzlich gibt sie dem Verbraucher das Gefühl, beim Biertrinken nicht nur etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht hingegen tritt in dieser Vorgehensweise das gesamte Dilemma der aktuellen Diskussion um die unternehmerische Sozialverantwortung, Corporate Social Responsibility (CSR), zutage.

Krombachers Regenwaldkampagne wird nicht ohne Grund häufig als so genanntes Greenwashing angeprangert. Durch die Investition in ein soziales Projekt soll signalisiert werden, dass sich das Unternehmen Gedanken um seine "Umwelt" macht und "Gutes" tut. Selbstverständlich ist es löblich, wenn das Streben nach Profitmaximierung nicht das alleinige Ziel des Managements ist, doch bleibt problematisch, dass derartige Aktivitäten keinen Beitrag zur Verbesserung des eigenen Kerngeschäftes leisten. Was hat denn, bitteschön, der Regenwald mit der Beschaffung, der Produktion und dem Absatz der Krombacher-Brauerei zu tun? Nichts!

Vor dem Hintergrund des aktuellen Glyphosat-Falles wäre es angebrachter gewesen, über die Optimierung der eigenen Wertschöpfungskette nachzudenken. Also Schlechtes verhindern, statt Gutes zu tun. Ein kleines Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, dass anstelle der Finanzierung des Regenwaldprojekts die ganzheitliche Überwachung der Lieferkette inklusive Schulung von Lieferanten außerhalb Deutschlands stattgefunden hätte.

Damit wären sprichwörtlich Brunnen gebaut und Fundamente gelegt für gelebte Nachhaltigkeit. Nicht nur sind Unternehmen aufgefordert, unter den Nachhaltigkeitsprojekten diejenigen zu identifizieren, die das eigene Kerngeschäft fördern und nicht nur der Beruhigung des sozialen Gewissens dienen. Auch die Verbraucher sollten einen Blick hinter die Marketingkulissen von Konsumgüterherstellern werfen. Letztlich ist es unser aller Bier, eine fundierte Nachhaltigkeitsdebatte zu führen, um aus einem Genussmittel kein Allergikum zu machen.

Am 23. April dieses Jahres wird das Reinheitsgebot des deutschen Bieres 500 Jahre alt. Grund genug nachhaltige Rahmenbedingungen für die nächsten 500 Jahre zu sorgen - nicht nur beim Bier.


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