Freitag, 23. Juni 2017

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BCG-Studie über Top-Managerinnen Höhere Frauenquote steigert Innovationsfähigkeit

Offen für alle: Island

Die Schicksalsfrage der Wirtschaft: Wie entsteht Innovation? Wie sichern Unternehmen und Nationen sich im globalisierten Turbokapitalismus die Fähigkeit zur permanenten Erneuerung?

Die Antwort: Lasst die Frauen ran. Wo mehr Frauen im Arbeitsleben stehen, stellt sich Neues ein, auf Länderebene und im einzelnen Unternehmen. So lautet das zentrale Ergebnis einer großangelegten Studie, die die Boston Consulting Group (BCG) in Kooperation mit Isabell Welpe, Professorin für Betriebswirtschaftslehre, Strategie und Organisation an der Technischen Universität München (TU), exklusiv für manager magazin anlässlich der mm-Liste der Top-75-Managerinnen Deutschlands (Print-Erscheinungsdatum: Freitag, 16. Dezember 2016) verfasst hat.

"Durch die geringere Beteiligung der Frauen am Erwerbsleben liegen erhebliche Innovationspotentiale brach", sagt Rocío Lorenzo, Partnerin im Münchner BCG-Büro. "Vergrößert sich der Pool der Frauen in Arbeit, können diese Potentiale gehoben werden."

Auch im einzelnen Unternehmen geht die Rechnung Frauen = Innovation auf, so Lorenzo: "Wenn mehr als 15 bis 20 Prozent der Führungsjobs an Frauen gehen, nimmt die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens eindeutig zu."

Die Autoren der Studie fordern Deutschland auf, endlich Tempo zu machen:

  • Arbeitgeber sollten intensiv nach weiblichen Talenten fahnden. Die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen sollte durch ein Transparenzgesetz bekämpft werden.
  • Der Wiedereinstieg nach der Babypause muss attraktiver gemacht werden: Weg mit dem Ehegattensplitting, Elternzeit nicht länger als ein Jahr, mehr Ganztag.
  • Die Politik muss die Väter kompromissloser in Familienaufgaben einbinden, durch eine exklusive Väterzeit und die Förderung der Familienteilzeit.

170 Unternehmen wurden für die Studie befragt, darunter mehrere Dax-30-Unternehmen. Zusätzlich analysierte das Studienteam in den Industrieländern der OECD die Rahmenbedingungen für Frauen.

Ergebnis: Vor allem die nordischen Länder machen es richtig. Sie haben ihre Gesetze, kulturellen Werte und die Förderinstrumente kompromisslos auf eine gleichmäßige Beteiligung beider Geschlechter am Arbeitsmarkt ausgerichtet. Neben den Schweden überzeugt ausgerechnet ein kleines Land hoch im Norden, das wildentschlossen Fußball spielt und immer mal wieder kurz vor dem Staatsbankrott steht: Island.

82 Prozent der Isländerinnen arbeiten, 40 Prozent aller Führungsjobs in Politik und Wirtschaft sind an Frauen vergeben - im internationalen Vergleich sind das Spitzenwerte. Frauen-Quoten und gleiche Bezahlung sind im Gesetz verankert. 91 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren gehen in Ganztags-Kitas (in Deutschland 46 Prozent). Väter erhalten drei Monate Elternzeit, aber nur, wenn die Mutter in dieser Zeit tatsächlich arbeitet. Die Regelung hat dazu geführt, dass 85 bis 90 Prozent aller Väter in Island Elternzeit nehmen und Frauen schneller in ihren Beruf zurückkehren.

Wesentlich auch: Die Nordländer begrenzen die Dauer der Elternzeit drastisch, um Mütter gar nicht erst dem Arbeitsleben zu entfremden. In Finnland gibt es sechs Monate, in Island neun, in Schweden 16 Monate. Deutschland - und auch Frankreich - stellen es Müttern frei, bis zu drei Jahre zu Hause zu bleiben. Bei mehreren Kindern geht so schnell mal ein Jahrzehnt ins Land, die Verbindung zum Arbeitsmarkt ist dann meist unwiderruflich gekappt.

Apropos Frankreich: Wer genauer hinschaut, stellt fest, dass die linksrheinischen Nachbarn zwar deutlich mehr Nachwuchs zeugen als die Deutschen, in Sachen Frauenförderung aber gar nicht so viel hermachen. Nur 61 Prozent der Französinnen arbeiten; in den untersuchten westeuropäischen Ländern schnitten nur Italien (48 Prozent) und Irland (58 Prozent) schlechter ab. Französische Väter erhalten zwei Wochen Elternzeit und sind damit bei der Betreuung von Kleinkindern von vornherein außen vor. Das korreliert mit einer stockkonservativen Unternehmenskultur, in der nur acht Prozent aller Väter es wagen, wenigstens vorübergehend in Teilzeit zu gehen.

Doch nicht nur Gesetze prägen den Rahmen für Frauen. Hinzu kommen muss gesellschaftlicher Druck, der Karrierehindernisse nicht hinnimmt. Auch hier liefert Island ein gutes Beispiel.

Stichwort Gender Pay Gap: Um Druck auf die Unternehmen auszuüben, Männer und Frauen für gleiche Arbeit auch tatsächlich gleich zu bezahlen, werden öffentlichkeitswirksam Zertifikate verliehen. Dafür müssen die Arbeitgeber sich tief in die internen Strukturen blicken lassen.

In Schweden müssen sämtliche Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern alle drei Jahre einen detaillierten Report über die Bezahlung von Männern und Frauen erstellen und Maßnahmen gegen die Entgeltlücke benennen, einschließlich eines Zeitplans. Ein Ombudsmann hat das Recht, bei Nichteinhaltung der selbstauferlegten Ziele Geldbußen zu verhängen.

Last, not least ist auch jedes einzelne Unternehmen in der Pflicht, betont TU-Professorin Isabell Welpe. Es muss eine Kultur schaffen, in der Frauen gerne arbeiten und sich Machtpositionen zutrauen.

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