Samstag, 26. Mai 2018

#MeToo in der Medienbranche Vorwürfe der sexuellen Belästigung - Axel Springer trennt sich von Digital-Chef Müffelmann

Jens Müffelmann, lange Jahre Digital-Chef von Axel Springer.
Axel Springer
Jens Müffelmann, lange Jahre Digital-Chef von Axel Springer.

Am vergangenen Montag veröffentlichte die Axel Springer SE eine kurze Personalmeldung: Jens Müffelmann (51), Leiter des USA-Geschäfts und CEO von Springers Beteiligungsarm für Digitalgeschäfte (Digital Ventures), würde den Konzern nach über 20 Jahren verlassen. "Auf eigenen Wunsch", hieß es.

Springer verkaufte den Abgang als normalen Vorgang. "Mediendienste" vermuteten eine Abkehr des Medienkonzerns (Bild, Welt, Business Insider) von seiner Akquisitionsstrategie in den USA, die Müffelmann die letzten Jahre maßgeblich geprägt hatte.

Recherchen von manager magazin zufolge war Müffelmanns Abgang jedoch alles andere als freiwillig. Die Trennung war demnach das Resultat massiven Drucks aus der Konzernspitze, als Folge einer Untersuchung der Personalabteilung gegen den Digitalchef.

Mehrere ehemalige Springer-Kolleginnen hatten sich demnach über Übergriffe Müffelmanns beschwert. Er soll sie sexuell belästigt oder herabgewürdigt haben. Eine Mitarbeiterin warf Müffelmann etwa vor, sie gegen ihren Willen bewusst am Gesäß berührt zu haben.

Müffelmann ließ eine Anfrage zu diesen Vorwürfen unbeantwortet.

Auslöser der Untersuchung war ein Artikel des manager magazins. In dem Text über den "Diversity-Blues" in vielen Konzernen, der in der Februarausgabe erschien, findet sich ein Zitat aus einem Facebook-Post des Lieferando-Gründers Christoph Gerber. Gerber schildert darin, wie ein namentlich nicht genannter Springer-Manager einer Mitarbeiterin unangemessene Komplimente ("Du siehst ja geil aus. Hast du abgenommen?") macht und sie bei einer Veranstaltung gezielt am Po berührt. Die Personalabteilung habe ihr demnach geraten, nichts zu unternehmen, "sonst kannst du deine Karriere bei AS vergessen".

Soll getobt haben: Mathias Döpfner, Vorstandschef von Axel Springer.

Bei Axel Springer, wo sich der Vorstand neuerdings als Hort der Diversität versteht, löste die Anekdote umgehend Alarm aus. Vorstandschef Mathias Döpfner (55) soll nach der Lektüre "außer sich" gewesen sein, wie Augenzeugen berichten. Der Vorstand habe daraufhin beschlossen, die Anschuldigungen zu untersuchen und sich gegebenenfalls von Müffelmann zu trennen.

In den folgenden Wochen befragten Personaler ehemalige Mitarbeiterinnen zu den Vorwürfen. Um deren Identität zu schützen, unterzeichneten beide Seiten Verschwiegenheitserklärungen. Am Ende einigte sich Springer mit Müffelmann, der die Vorwürfe stets bestritten haben soll, auf einen Aufhebungsvertrag.

Auf Anfrage betont Springer, dass vor dem Artikel im manager magazin "keinerlei Hinweise, Beschwerden oder Gerüchte zu sexuellen Belästigungen oder Äußerungen" vorlagen. "Wir haben unmittelbar nach Erscheinen des Artikels zu recherchieren begonnen und eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Unsere Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass keine Gründe für eine außerordentliche Kündigung vorlagen. Wir haben dennoch das Arbeitsverhältnis im gegenseitigen Einvernehmen beendet."

Das - vergleichsweise - konsequente Vorgehen soll Insidern zufolge auch mit einem Führungswechsel im Personalressort zusammenhängen: Florian Klages, der im November bei Springer zum Personalchef aufstieg, verfolge bei Themen wie Sexismus und Belästigung einen härteren Kurs als seine Vorgänger.

Der Wandel ist anscheinend bitter nötig. Wer mit ehemaligen Springer-Leuten spricht, bekommt viele Geschichten von sexistischen Witzen, Machogehabe und Affären von Chefs mit untergebenen Frauen zu hören. Das klingt dann oft so, als wäre das Konzernhochhaus in Berlin-Kreuzberg eine Zeitmaschine, die weibliche Mitarbeiter zurück "in die Sechziger" befördere, wie eine ehemalige Führungskraft es formuliert.

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