31.05.2018

Dax-Aufsichtsräte verpassen Chance zur Erneuerung

Niemand unter 40 - die Pseudo-Vielfalt der Aufsichtsräte

Von

DPA

Die Frauenquote wirkt - aber nur bis zum Erreichen der 30-Prozent-Marke

Die Erfolgsmeldung zuerst: Erstmals haben die Aktionäre von Dax-Konzerne mehr als 30 Prozent Frauen in ihre Aufsichtsräte gewählt. Nach den Hauptversammlungen dieses Jahres steigt der Anteil von 29,34 auf 31,25 Prozent, hat das Centrum für Strategie und höhere Führung für seinen Board Diversity Index errechnet. Die Commerzbank hat fünf Frauen und fünf Männer benannt - erstmals Parität auf der Kapitalseite.

Wonge Bergmann für KION GROUP

Christina Reuter
Kion
Seit Mai 2016 im Aufsichtsrat des Gabelstaplerbauers Kion. Mit 32 Jahren ist sie Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin. Die promovierte Maschinenbauingenieurin ist den älteren Mitgliedern des Gremiums in Sachen Digitalisierung weit voraus.

picture-alliance / Sven Simon

Annet Aris
Jungheinrich, Thomas Cook, ProSiebenSat.1
Die Medienexpertin mit niederländischem Pass unterrichtet als Lehrbeauftragte an der Managerschmiede Insead. Sie gilt inzwischen branchenübergreifend als wertvolle Ratgeberin in Sachen Digitalisierung in diversen Kontrollgremien. Sie war früher Partnerin der Unternehmensberatung McKinsey.

DPA

Ann-Kristin Achleitner
Deutsche Börse, Linde, Münchner Rück, Engie
Deutschlands bestvernetzte Aufsichtsrätin übt ihre Mandate durch intensive Ausschusstätigkeit aus. Manche sehen sie schon als Nachfolgerin von Chef-Kontrolleur Joachim Faber bei der Deutschen Börse. Ihrer Professur an der TU München geht sie in Teilzeit nach.

DPA

Marion Helmes
ProSiebenSat1., Bilfinger, NXP Semiconductors, Uniper
Sie ist eine von insgesamt drei Frauen im neunköpfigen ProSieben-Aufsichtsrat und erfreut sich dank lupenreiner Finanzvergangenheit bei ThyssenKrupp und Celesio als Kontrolleurin großer Nachfrage. Auch der Tabakmulti BAT nimmt ihre Dienste in Anspruch.

CLAAS

Cathrina Claas-Mühlhäuser
Claas-Gruppe
Sie ist bereits im achten Jahr Aufsichtsratsvorsitzende im Familienkonzern und baut ihren Einfluss beharrlich aus. Die Claas-Gruppe ist einer der führenden Landmaschinen-Hersteller.

Tristan Vankann/Jacobs University/dpa

Katja Windt
Deutsche Post, Fraport
Die Präsidentin der Jacobs University in Bremen engagiert sich im Aufsichtsrat der Deutschen Post. Auch beim MDax-Wert Fraport kann sie viel Branchenkenntnis einbringen. Ihr Forschungsgebiet ist die globale Produktionslogistik.

picture alliance / Soeren Stache

Sari Baldauf
Daimler, Deutsche Telekom
Die Finnin, die bei Nokia Karriere machte, gehörte zu den ersten Frauen, die in Dax-Aufsichtsräten Gehör fanden, und das noch ganz ohne Quote. Ihre Mandate stehen 2018 zur Verlängerung an.

DPA/Handout

Simone Bagel-Trah
Henkel, Bayer
Die Ururenkelin von Firmengründer Fritz Henkel ist die einzige weibliche Aufsichtsratsvorsitzende im Dax 30. Auch bei Bayer und Heraeus sitzt sie im Board. Bagel-Trah engagiert sich auch als Vizepräsidentin des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

dpa/ Handout

Marion Weissenberger-Eibl
HeidelbergCement, MTU Aero Engines, Rheinmetall
Spitzenforscherin und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI). Sie ist in Politik und Wirtschaft bestens vernetzt. Berät als Expertin für Nachhaltigkeit die Bundesregierung.

DPA/Deutsches Aktieninstitut (DAI)

Christine Bortenlänger
Osram, SGL Carbon, Covestro, Tüv Süd
Die Chefin des Deutschen Aktieninstituts wurde bekannt, als sie im Jahr 2000 mit gerade mal 34 Jahren den Vorsitz der Börse München übernahm. Inzwischen sammelt sie Aufsichtsratsmandate.

DPA

Renate Köcher
BMW, Infineon
Keine andere Kontrolleurin ist so eingespannt wie sie. Neben ihren zwei Dax-30-Mandaten schaut Köcher noch bei Bosch, Nestlé Deutschland, Aldi Süd, und HSBC Trinkaus nach dem Rechten. Bei der Allianz ist sie 2017 ausgeschieden. Im Hauptberuf führt die Volkswirtin das renommierte Meinungsforschungsinstitut Allensbach.

Allerdings belegt das bloße Einhalten der gesetzlichen Frauenquote noch keine besonderen Anstrengungen für mehr Vielfalt. Adidas und die Deutsche Bank fielen sogar unter die 30-Prozent-Marke zurück, indem sie je eine Frau durch einen Mann im Aufsichtsrat ersetzten. Weitere fünf Dax-Konzerne haben laut dem Bericht "Nachholbedarf bis zum Erreichen der gesetzlichen Quote" - dazu zählt auch Henkel, das immerhin mit einer weiblichen Doppelspitze von sich reden macht.

Insgesamt bleiben die Aufsichtsräte weiter unter Ihresgleichen: deutsch, männlich, weiß, alt, mit Abschluss in Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre, im Zweifelsfall noch Jura. Der Board Diversity Index misst auch diese anderen Aspekte neben der Geschlechterverteilung - und kommt zwar auf einen historischen Höchststand, aber "der Fortschritt ist eine Schnecke", urteilt Klaus Schweinsberg, der Gründer des Centrums für Strategie und höhere Führung. Der Index stieg von 383 auf 398 Punkte.

Der langsame Fortschritt ist deshalb bemerkenswert, weil in diesem Jahr 87 Posten in den Dax-Aufsichtsräten vakant waren, viel mehr als in den Vorjahren. Schweinsberg spricht von einem "Superwahljahr" - in dem man "eine deutlich spürbarere, ja vielleicht sogar exponentielle Dynamik hätte erwarten können", dann aber doch weitgehend die alten Kandidaten gewannen. Es ist also eine verpasste Chance zur Erneuerung.

Centrum für Strategie und Höhere Führung

GRAFIK Board Diversity Index 2018 / Altersklassen

Die absolute Mehrheit der Kapitalvertreter in den Aufsichtsräten ist 60 Jahre oder älter - passend zum traditionellen Bild von den Kontrolleuren als erfahrene Firmenlenker. Eine Verjüngung findet praktisch nicht statt, obwohl die moderne Corporate Governance stärker auf unabhängige (in Ergänzung zur erfahrenen) Sichtweise setzt und die Aufsichtsräte ihre wachsenden Aufgaben im Idealbild auch annähernd als Vollzeitjob auffassen sollten.

Unter 40 ist überhaupt niemand vertreten. Das gab es überhaupt erst zweimal in den vergangenen fünf Jahren. Doch Julia Kuhn-Piëch wurde bei Volkswagen wieder abberufen, und Telekom-Aufsichtsrat Lars Hinrichs ist inzwischen auch schon 41.

Centrum für Strategie und Höhere Führung

GRAFIK Board Diversity Index 2018 / Studienabschluesse

Wirtschaftswissenschaften oder Jura - das ist in aller Regel der Ausbildungshintergrund der Dax-Aufsichtsräte. Nur allmählich lässt die Dominanz der Wirtschaftswissenschaftler auf nun 45,7 Prozent nach - neben der gestiegenen Frauenquote ein Hauptgrund für den Anstieg des Board Diversity Index.

Ingenieure profitierten mit einem Anstieg auf 14,6 Prozent am stärksten. Doch sie stellen schon traditionell die drittstärkste Gruppe, vor allem in Industriekonzernen. Etwas überraschender und noch ausgeprägter konnten die Geisteswissenschaftler ihren Anteil von 2,2 auf 6,4 Prozent ausbauen. Unter "Sonstige" bleiben die nur vier Informatiker(innen - immerhin drei von ihnen sind Frauen). Alle sprechen von der Digitalisierung, aber nur wenige holen sich Rat von IT-Profis.

Centrum für Strategie und Höhere Führung

GRAFIK Board Diversity Index 2018 / NationalitÃ?ten

Deutsche Aufsichtsräte sind deutsch besetzt. Auch wenn die Deutsche Bank - entgegen ihrer strategischen Ausrichtung - ihr Board von der heimischen Industrie wegorientiert, findet der Board Diversity Index nur "marginale" Veränderungen an der Internationalität der Gremien. Mehr als 70 Prozent der Mandatare haben die deutsche Staatsbürgerschaft - in großem Kontrast zur internationalen Präsenz in Belegschaft, Geschäft und Aktionärsstruktur.

Sofern Ausländer in den Kontrollgremien von Corporate Germany vertreten sind, handelt es sich zumeist um deutschsprachige Österreicher oder andere Westeuropäer und noch einen nennenswerten Anteil US-Amerikaner.

Die Investoren aus Nahost, die selbst nach ihrem Investment in Deutschland sehen, lassen sich an einer Hand abzählen: die zwei Kataris Hussain al Abdulla und Hessa al Jaber bei Volkswagen, Bader al Saad für Kuwaits Staatsfonds bei Daimler und der Ägypter Nassef Sawiris bei Adidas. Einzige Chinesin ist Amy Yip (aus Hongkong) bei der Deutschen Börse.

Weite Teile der Welt kommen in den Aufsichtsräten der Global Champions gar nicht vor - nicht einmal die für die Produktion so wichtige Osthälfte Europas, ganz zu schweigen von Indien, Lateinamerika oder Afrika mit Ausnahme des einen Ägypters.

Centrum für Strategie und Höhere Führung

GRAFIK Board Diversity Index 2018 / Gewinner und Verlierer

Richtig große Gewinner zeigt der Board Diversity Index im Vorjahresvergleich nicht. Der Softwarekonzern SAP, der zwei Informatikerinnen gewonnen hat, steigt an die Indexspitze neben Bayer. In der Kategorie "sehr gut" finden sich auch noch Fresenius Medical Care und Volkswagen - während die etwas männlicher gewordene Deutsche Bank und Siemens in die Diversitätsgruppe "gut" absteigen.

Immerhin vergab Schweinsberg das Urteil "mangelhaft" keinem der Dax-Konzerne mehr. Henkel kehrte trotz der geringen Frauenquote mit einer breiteren Streuung der Alters- und Ausbildungsgruppen von "ausreichend" in die Stufe "befriedigend" zurück. Am Ende der Skala bleibt einsam BMW - alle zehn Kapitalvertreter sind Deutsche zwischen 50 und 70, nur drei davon Frauen.

Die Hoffnung für Verfechter größerer Vielfalt in der Konzernführung: 2019 sind wieder außerordentlich viele Aufsichtsratsposten neu zu besetzen.

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