Sonntag, 30. April 2017

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Meinungsmacher Aufsichtsräte: Risiko statt Rotwein

Unter den Top-Verdienern 2013 befand sich der VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch mit Einnahmen von rund 1,2 Millionen Euro

Deutsche Aufsichtsräte verdienen im Schnitt rund 330.000 Euro im Jahr. Mancher mag nun nach Luft schnappen und sagen: So viel Geld für nur vier Sitzungen im Jahr! Doch das ist nur ein Bruchteil der Arbeitsbelastung - zudem verschiebt sich die Macht vom Vorstand zum Aufsichtsrat.

Der Blick in die Geschäftsberichte deutscher Konzerne zeigt, dass Aufsichtsratschefs in deutschen Konzernen 2014 im Schnitt rund 75.000 Euro mehr als im Jahr zuvor verdienten, ein Zuwachs von 29 Prozent. Zu diesen Ergebnissen kommt die Unternehmensberatung Hay Group in einer Analyse für zwölf europäische Länder.

Die deutschen Chefkontrolleure belegten demnach international mit Jahresbezügen von durchschnittlich 331.700 Euro den vierten Platz hinter der Schweiz (760.070 Euro), Italien (451.100 Euro) und Großbritannien (431.040 Euro).

Weniger dramatisch war das Plus bei den regulären Ratsmitgliedern in Deutschland, sie verdienten im Schnitt rund 125.000 Euro, was einem Plus von sechs Prozent oder knapp 7000 Euro im Vorjahresvergleich entspricht. Dennoch konnten Aufsichtsräte damit in Deutschland deutlich mehr verdienen als ihre Kollegen in den meisten Nachbarländern. Nur Unternehmen in der Schweiz zahlten mit 230.630 Euro noch mehr.

Diese Meldung folgt auf Berichte aus dem vergangenen Jahr, denen zufolge sich die Vergütung der Aufsichtsräte im Dax in der zurück liegenden Dekade fast verdoppelte. Gab es 2004 noch insgesamt 41,9 Millionen Euro im Jahr für deutsche Kontrolleure, waren es 2013 schon 78,4 Millionen.

Unter den Top-Verdienern 2013 befanden sich der VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch mit Einnahmen von rund 1,2 Millionen Euro, gefolgt von Paul Achleitner mit 646.000 Euro bei der Deutschen Bank und Siemens-Aufseher Gerhard Cromme mit 617.000 Euro. In fast allen 30 Konzernen seien die Überwachungsgremien seit 2004 um zwei- oder dreistellige Prozentraten teurer geworden, berichtete seinerzeit das Handelsblatt unter Berufung auf eine Studie des Vergütungsexperten Heinz Evers.

Viel Geld für nur vier Sitzungen im Jahr?

So manch einer wird nun nach Luft schnappen und finden: So viel Geld für teilweise nur vier Sitzungen im Jahr! Das Handelsblatt allerdings begründete das Extra bei den Bezügen damit, dass die Aufsichtsräte der Dax-Konzerne ihren Einfluss ausgeweitet hätten und sich stärker in die operative Führung der Firmen einbringen würden.

Tatsächlich sind die Ansprüche an Aufsichtsräte und vor allem an Aufsichtsratsvorsitzende seit 2004 dramatisch gestiegen. Unvorbereitet zu erscheinen, um dann deutlich intensiver an einem rotweinschwangeren Lunch teilzunehmen, als an der Diskussion der Unternehmensstrategie, ist heutzutage - zumindest im Dax - ziemlich unmöglich geworden. Wer da als Aufsichtsrat oder gar als Aufsichtsratschef nichts beizutragen hat oder schwere Fehler macht, wird schnell gekreuzigt, nicht zuletzt von den Aktionärsvertretern und der Wirtschaftspresse.

Das Tempo hat gewaltig zugelegt, die Märkte sind dynamischer und wegen der zunehmenden Internationalisierung auch komplexer geworden. Die Risiken sind gewachsen und damit auch das Haftungsrisiko der Organe. Viele Aufsichtsräte richten heute zusätzliche Ausschüsse ein, um dem gerecht zu werden und zu bestimmten Themen tiefer ins Unternehmen einzusteigen. Der Aufsichtsratsvorsitzende übernimmt dabei den Hauptteil der Kommunikation, tauscht sich mit dem Vorstand oft wöchentlich aus, viele haben sogar ein Büro vor Ort.

Die vier offiziellen Sitzungen im Jahr entsprechen also nur einem Bruchteil der Arbeitsbelastung - wie bei einem Eisberg bleibt der Löwenanteil für das Publikum unsichtbar.

Dass der Job als Kontrolleur deutlich härter geworden ist, zeigt auch ein anderes Ergebnis der Hay-Studie: Nur 13 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder in Europa üben diese Funktion in mehr als einem Unternehmen aus. Auch die traditionell beliebte Vorstellung, dass sich in der Deutschland-AG immer dieselben Leute gegenseitig überwachen, wird demnach jedes Jahr mehr zum Mythos.

Machtverlagerung vom Vorstand zum Aufsichtsrat

Peter Rohwedel, Professor für Strategisches Management an der FOM Hochschule in Duisburg und wissenschaftlicher Leiter des KompetenzCentrums für Unternehmensführung und Corporate Governance (KCU), das seit vielen Jahren umfangreiche Studien zur Arbeit deutscher Aufsichtsräte erstellt, schreibt: "Es scheint eine Machtverlagerung vom Vorstand zum Aufsichtsrat zu erfolgen". Und in der Tat spielt der Rat besonders in Krisensituationen eine zunehmend bedeutende Rolle. Es erscheint also nur logisch, dass mit zunehmender Verantwortung und Arbeitsbelastung auch die Vergütung wächst.

Auch wenn die vox populi anderer Meinung ist: Aus meiner Sicht ist es richtig, dass deutsche Konzerne ihre Räte und Ratschefs großzügig entlohnen, denn wer ordentlich zahlt, zieht auch gute Leute an. Insbesondere wenn der Beirat internationaler werden soll und seine Mitglieder aus anderen, weit entfernten Märkten anreisen müssen, kann eine wettbewerbsfähige Vergütung des Mandats dabei helfen, Führungspersönlichkeiten aus dem Ausland zu überzeugen.

Unternehmen der öffentlichen Hand jedoch können da nicht mithalten, dort fällt die Aufsichtsratsvergütung oft so unscheinbar aus, dass ihre Kontrolleure nur der Ehre wegen antreten - oder aber, weil sie müssen, wie zum Beispiel die Politiker aus Brandenburg und Berlin im Rat des Berliner Flughafens. Die Folgen zumindest für BER sind bekannt und nun hat sich schließlich sogar der Landesrechnungshof aufgerafft und empfohlen, weniger Politiker und mehr Fachleute in den Beirat zu berufen. Anstelle von Wirtschaftsminister Ralf Christoffers von der Linken soll es nun der Flug- und Rüstungsexperte Axel J. Arendt richten, ein ehemaliger Daimler-Manager.

Diesen Job hat Arendt Anfang 2013 jedoch schon mal abgelehnt, angeblich, weil die Vergütung zu gering war. Warum er sich jetzt breitschlagen ließ, ist nicht bekannt, zahlt BER doch im Regelfall nach wie vor "pro Sitzung einen dreistelligen Eurobetrag" wie die Berliner Zeitung berichtete. Entweder hat sich nun eine Sonderregelung für den verdienten Manager gefunden oder aber er arbeitet, um die Ehre Berlins zu retten und diesem verkorksten Flughafenneubau endlich Flügel zu verleihen. Doch wie man es auch dreht und wendet: Der Vorgang lässt nur einen Schluss zu: Das alte Sprichwort von den Erdnüssen trifft zu. If you pay peanuts, you get monkeys.

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