Mittwoch, 28. Juni 2017

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Unschöne neue Arbeitswelt (4) Wie deutsche Personalvorstände die Arbeitswelt umbauen wollen

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Manchmal gibt es interessante Dokumente, die frei verfügbar im Internet existieren, aber kaum diskutiert und von ihren Autoren kaum öffentlich verbreitet werden. In einem derartigen Fast-Geheimpapier erklären uns deutsche Personalvorstände die Digitalisierung - und den Forderungskatalog, der sich daraus ableitet. Und der ist schockierend.

Mitgemacht haben unter anderem die Vorstände Christian Illek (Deutsche Telekom), Hartmut Klusik (Bayer), Melanie Kreis (Deutsche Post DHL), Janina Kugel (Siemens), Ralf Stemmer (Deutsche Postbank) und Bettina Volkens (Lufthansa). Als Moderator fungierte Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger. Vielleicht entspricht deshalb vieles seinen personalpolitischen Vorstellungen beziehungsweise seiner Bundestagskandidatur.

Das Ergebnis vorab: Wenn man den Text gründlich liest, versteht man, warum vielleicht nicht jeder der Personalvorstände mit ihm in Verbindung gebracht werden möchte: Denn das Szenario, das in diesem Papier geschildert wird, macht nicht im Geringsten Lust auf die Zukunft. Es wirkt wie ein Tsunami, auf den wir uns notgedrungen einstellen müssen und nach dessen Eintreten wir allenfalls über die Farbe der Notunterkünfte und die psychologische Bezeichnung unserer Depression mitdiskutieren dürfen.

Das Positionspapier enthält gleich zehn fatale Fehlentwicklungen und falsche Annahmen über die Digitalisierung in Deutschland:

1. Technologischer Determinismus

Bereits die Grundausrichtung irritiert: Die Technik dominiert alles, ganz besonders den sozialen Wandel. Von einem kleinen Hinweis abgesehen, übersehen die Personalvorstände völlig, dass es mehrere und völlig unterschiedliche Pfade in die Zukunft gibt. Bei ihnen gibt es nur genau einen Pfad - nämlich den, den sie sehen.

2. Groteske Entmenschlichung

Diese Logik bringt uns zu einem bedenklichen Menschenbild. Die Autoren reduzieren Menschen zu Objekten, die dummerweise nicht schnell und effizient genug lernen. Immer wieder wird erklärt, was wir wegen der Digitalisierung gefälligst tun müssen. Die Digitalisierung ist das Subjekt, der Mensch das Objekt. Eigentlich sollte es umgekehrt sein und wir alle sollten gemeinsam darüber nachdenken, wie wir die Digitalisierung für uns gestalten. Warum akzeptieren die Autoren uns Menschen nicht als denkende Subjekte und die Digitalisierung als ihr Objekt?

3. Zerstörtes Privatleben

"Arbeit wird wieder (wie in der Zeit vor der Industrialisierung) stärker ins Private übergreifen." Eine zentrale Aussage des Papiers ist genau diese Forderung nach Work-Life-Blending als fließenden Übergang zwischen beruflicher und privater Sphäre. Es muss gearbeitet werden, wenn Arbeit ansteht - egal wann und wo. Offenbar ist es für manche Unternehmenslenker reizvoll, das Privatleben zur verlängerten Werkbank zu machen und auf die Freizeit der Mitarbeiter als Unternehmensressource zuzugreifen. Nur: Brauchen wir wirklich eine solche unschöne neue Arbeitswelt, die metastasenartig in unser Privatleben eindringt? Warum gibt es nicht die Möglichkeit zur Work-Life-Separation und zum "Recht auf ungestörte Freizeit"?

4. Hyperflexibilisierung zulasten der Mitarbeiter

Flexibilisierung klingt nach Freiheit für Mitarbeiter. Aber weit gefehlt: Flexibilisierung ist in diesem Papier primär eine Bringschuld der Mitarbeiter. Sie müssen arbeiten, wenn Aufgaben anstehen. Und falls einmal weniger zu tun ist, dann dürfen sie zu Hause oder im Garten arbeiten. Flexibilitätsgewinne der Unternehmen werden hier durch Mitarbeiter erwirtschaftet und an das obere Management sowie die Anteilseigner verteilt. Nur: Weshalb sollte Hyperflexibilität für Mitarbeiter erstrebenswert sein?

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