Samstag, 24. Februar 2018

Unschöne neue Arbeitswelt (4) Wie deutsche Personalvorstände die Arbeitswelt umbauen wollen

Getty Images

3. Teil: Warum das Papier der Personalvorstände die Fehler der Vergangenheit repliziert

Das Traurige an diesem Papier ist, dass es in vielen Forderungen nicht nur veraltet ist, sondern zudem noch die Fehler der Vergangenheit repliziert. Fünf Beispiele:

1. Hybride Berufsprofile

Nicht neu ist die Kombination aus Technik und Wirtschaft. Das hatten wir schon als fünfjähriges Studium zum "Wirtschaftsingenieur" - mit mäßiger Akzeptanz bei den Unternehmen. Warum sollte jetzt ausgerechnet diese Kombination in einem dreijährigen Bachelor-Studium funktionieren?

2. Bachelor Welcome?

Wieder wird für den Bachelor als berufsqualifizierenden Abschluss geworben. Schon 2004 hatten Unternehmen unter der Federführung von Thomas Sattelberger laut "Bachelor Welcome!" gerufen. Nur: Für das neue Qualifikationsbild gibt es weiterhin bei Unternehmen weder Rekrutierungs- noch Qualifizierungsmuster. Warum also schon wieder "Bachelor Welcome"?

3. Unternehmen als Bedarfsermittler

Wie bei "Bachelor Welcome" gibt es auch in diesem Papier massive Forderungen an die Hochschulen: beispielsweise nach der Stärkung der Dualen Hochschulen, dem Forcieren von MINT-Fächern und dem Umbau der BWL in Richtung Big Data. Nur: Wie wenig Unternehmen ihren Personalbedarf im Voraus bestimmen können, haben wir schon zu oft erlebt. Und wie wenig sie von Bildung verstehen, haben ihre klammheimlich reduzierten "Corporate Universities" offenbart.

4. Kurzlebigkeit

Vorstände denken allein schon wegen ihrer Entlohnungsmodelle überwiegend kurzfristig. Nur: Wie schnell sich Zeiten ändern, sieht man am Fehlen des lauten Rufes nach einer Frauenquote. Oder hat ihr zentraler Verfechter gemerkt, wie unangenehm sich eine echte Quote beispielsweise beim Aufstellen der Landesliste für die Bundestagswahl auswirken würde?

5. Vermeintliche Wettbewerbsvorteile

Der Leser des Positionspapiers spürt die Angst der Autoren, von irgendwo abgekoppelt zu werden. Warum eigentlich? Wollen wir wirklich Mitarbeiter, so angepasst wie in manchen Entwicklungsländern? Die genauso flexibel und brav arbeiten? Wenn die Autoren am Ende ihres Papieres administrativ-bürokratisch "eine Landkarte oder einen Atlas mit Kompetenzzentren" fordern, zeigt das, dass hier das Denken in Wettbewerbsvorteilen defizitär ausfällt.

Der Wettbewerbsvorteil einer richtig verstandenen Digitalisierung liegt nicht in Intensivierung der Automatisierung oder Maximierung der Vernetzung. Wir brauchen Geschäftsmodelle, bei denen Menschen mehr sind als zahlende Kunden. Nach diesem Positionspapier haben wir ein Deutschland, dessen Unternehmen depressive Versager sind, Bildungseinrichtungen "erstickende Strukturen" und Personalabteilungen die Verwalter des "alltäglichen Klein-Klein". Und wir haben Mitarbeiter ohne Verständnis für Technik und junge Menschen, die nur von Google und Microsoft träumen.

Zum Glück entspricht dieses Bild, das die Autoren in ihrem Positionspapier zeichnen, nicht der Realität. Was soll also diese Schwarzmalerei? Will sie lediglich die Politik und uns alle zwingen, unsere Arbeitswelt fundamental in eine von uns ungeliebte Richtung zu lenken? Gerade angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl sollte man über die Thesen aus diesem Papier diskutieren und beginnen, die Deutungshoheit über dieses Thema zurückzugewinnen.


Unschöne neue Arbeitswelt (1): Der Irrtum vom Work-Life-Blending
Unschöne neue Arbeitswelt (2): Big Data Hype - Schluss mit blinder Dummheit!
Unschöne neue Arbeitswelt (3): Bürodesign: Warum moderne Großraumbüros der Horror sind


Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

Seite 3 von 3

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH