Freitag, 22. September 2017

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Innovationen Wie langweilige Unternehmen sich hübsch machen

Hochglanzfassade: Allein die Architektur ist es nicht, die Unternehmen voranbringt. Sondern eine Geisteshaltung, Dinge ausprobieren zu wollen - und Fehler zu akzeptieren
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Hochglanzfassade: Allein die Architektur ist es nicht, die Unternehmen voranbringt. Sondern eine Geisteshaltung, Dinge ausprobieren zu wollen - und Fehler zu akzeptieren

Apple oder Google haben es bewiesen - ohne Innovation kommt kein Unternehmen voran. Doch wie wird ein Unternehmen innovativ; bloß durch einen Federstrich des Vorstands? Nein, erklärt der Innovations-Psychologe Christoph Burkhardt. Dazu gehört viel mehr.

mm: Brauchen Ideen Disziplin?

Burkhardt: Auf der Suche nach guten Ideen müssen wir aushalten, dass wir erst am Ende wissen, ob es sich gelohnt hat. Die große Herausforderung beim kreativen Denken besteht darin, auch scheinbar blödsinnige Vorschläge zu nutzen und weiterzuentwickeln und dabei die Frage der Machbarkeit von Lösungen ganz ans Ende zu schieben. Das braucht Disziplin und kostet Überwindung, denn gewohnt sind wir Ideen kritisch anzugehen und Lücken aufzudecken. Im kreativen Prozess wird das Gegenteil verlangt. Damit am Ende dieses Prozesses aus Ideen Innovationen werden, sich also Vorschläge in konkrete Produkte oder neue Prozesse verwandeln lassen, folgen innovative Unternehmen klaren Strukturen. Ganz systematisch und überhaupt nicht chaotisch trennen erfolgreiche Innovatoren vier Schritte.

mm: Und?

Burkhardt: Zuerst muss definiert werden, was überhaupt die Fragestellung ist. Welches Problem soll eigentlich gelöst werden? Erst wenn allen Beteiligten klar ist, was das Ziel ist, kann es losgehen. Als nächstes werden Ideen und Lösungen generiert. Quantität schlägt jetzt Qualität, je mehr Ideen, desto wahrscheinlicher wird es, dass am Ende die bestmöglichen gefunden wurden. - Wenn keine weiteren Ideen gefunden werden, wird evaluiert. Restriktionen und Machbarkeit sind Kriterien für die Bewertung von Ideen, aber noch viele andere Dimensionen können herangezogen werden, um objektiv bestimmen zu können, welche Ideen verfolgt werden und welche nicht. Der kreative Prozess endet immer mit der Planung der nächsten Schritte. Ohne diesen Schritt ist die Gefahr groß, dass selbst aus den besten Ideen nichts wird. Aus den strategischen Ideen müssen jetzt also schnell operative Aktivitäten werden, zum Beispiel könnte jemand relevante Personen identifizieren, die für die Umsetzung gebraucht werden oder ein anderer könnte einen Prototypen entwickeln und testen.

mm: Und wie sieht das in der Praxis aus?

Burkhardt: Bei vielen meiner Klienten erlebe ich anfangs, dass die Prozesse nicht klar genug getrennt sind. Da fehlt tatsächlich so etwas wie Disziplin: Bei einer Online-Plattform soll eine neue Funktion entwickelt werden und noch bevor allen klar ist, wozu das neue Feature überhaupt gut sein soll, geht die Suche nach Ideen los. Die ersten Vorschläge werden gemacht und allesamt abgelehnt: zu aufwendig, nicht nutzerfreundlich, passt nicht zum Kerngeschäft. Mit jeder Kritik wird es schwieriger gute Ideen zu entwickeln, denn die müssen jetzt allen Ablehnungsgründen standhalten. Gründe Ideen abzulehnen gibt es immer mehr als es Ideen gibt. Die Folge: die vorgeschlagenen Ideen sind wenig innovativ und am Ende stehen alle wie vorher da, mit dem Unterschied, jetzt genau zu wissen, welche Ideen nicht funktionieren. Auch nicht schlecht, nur innovativ wird man so nicht.

mm: Wie öffnet man sich eigentlich dem Ideenstrom?

Burkhardt: Damit gute Ideen so richtig fließen, können wir ein paar mentale Tricks nutzen. Das ist nicht einfach und auch ziemlich anstrengend, dafür ist es aber für jeden machbar. Denn kreativ sind wir eigentlich alle, wir haben es nur kontinuierlich abtrainiert. Angefangen im Kindergarten, wo das runde Klötzchen auch nur durch die runde Öffnung passt, durch die Schule, in der jede Matheaufgabe eine Lösung hat, hinein ins Berufsleben, in dem Fehler oft als das schlimmste gelten, was wir machen können, obwohl sie für Fortschritt unabdingbar sind. Wir haben gelernt konvergent zu denken, also für ein Problem auch nur eine Lösung zu finden. Die erstbeste Lösung genügt dabei dem Anspruch. Beim divergenten kreativen Denken aber geht es darum, für ein Problem so viele Ideen zu generieren wie möglich, also weiterzusuchen, auch wenn das Problem schon gelöst erscheint.

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