Freitag, 29. Juli 2016

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Anwaltsschwemme Schwere Zeiten für Juristen

US-Anwaltserie "Ally Mc Beal": Nur wenige Juristen landen bei US-Topkanzleien - die Mehrzahl startet im finanziell weit weniger attraktiven freien Anwaltsmarkt
REUTERS/ FOX
US-Anwaltserie "Ally Mc Beal": Nur wenige Juristen landen bei US-Topkanzleien - die Mehrzahl startet im finanziell weit weniger attraktiven freien Anwaltsmarkt

Lohnt es sich eigentlich noch, Jura zu studieren? Warum die rosigen Zeiten für Rechtsanwälte vorbei sind - und unter welchen Bedingungen sich das Studium trotzdem lohnen kann.

Sie haben beide juristischen Staatsexamen mit Prädikat absolviert, sprechen perfekt Englisch und wissen sogar, was eine Due Diligence ist? Mit Glück können Sie bei einer internationalen Wirtschaftskanzlei als Associate einsteigen - falls nicht, könnten Sie es vielleicht bei Perconex versuchen.

Die Frankfurter Personalberatung vermittelt junge, top-qualifizierte Anwälte als sogenannte Projektjuristen an Rechtsabteilungen und große Anwaltsfirmen. Die akademischen Zeitarbeiter ersetzen Anwältinnen in Elternzeit, federn Auftragsspitzen ab und springen bei aufwendigen Document Reviews ein. Nach Ende des Projekts zieht Perconex sie wieder ab. Auf zum nächsten Kurzeinsatz.

Anwälte als Zeitarbeiter - es gibt wohl nichts, was sich zukünftige Juristen weniger als berufliche Perspektive vorstellen, wenn sie ihr Studium beginnen. Lange Zeit galt der Anwaltsberuf als Garantie für bürgerliches Prestige und ein gutes bis sehr gutes Einkommen.

Doch die Wohlstandsfestung ist längst geschleift: Etliche niedergelassene Organe der Rechtspflege können von ihrer Kunst heute kaum noch leben, wie manager magazin in einem ausführlichen Report in der aktuellen Ausgabe (manager magazin 07/2013) dokumentiert.

Die vermeintliche finanzielle Attraktivität des Jurastudiums hat über die Jahrzehnte dazu geführt, dass heute eine erhebliche Anwaltsdichte in Deutschland herrscht. Fast 161.000 Rechtsanwälte sind derzeit zugelassen - das sind beinahe dreimal so viele wie 1990. Oder anders gerechnet: Im Jahr 1950 mussten sich knapp 5000 Deutsche einen Anwalt teilen. 2013 kommen auf einen Anwalt nur noch 499 Bürger.

Verband prophezeit fallende Preise und Kanzleiinsolvenzen

Und jedes Jahr drängen 3000 neu Zugelassene zusätzlich auf den Markt. Die Advokatenschwemme führe zu "wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Anwaltschaft", räumt deshalb Swen Walentowski ein, Sprecher des Deutschen Anwaltvereins (DAV). Der Verband hat gerade eine Studie zur Zukunft des Berufsstands veröffentlicht. Rosig ist diese Zukunft nicht; der DAV prophezeit fallende Preise und Kanzleiinsolvenzen.

Schon zwischen 1994 und 2011 ist der durchschnittliche Umsatz pro Rechtsanwalt laut einer Erhebung des Soldan Instituts von 116.311 auf 97.002 Euro abgesackt. Angestellte Junganwälte müssen teils Minigehälter von 30.000 Euro brutto hinnehmen. Andere sehen eine Laufbahn als Projektjurist bei Perconex als letzte Chance.

Lohnt es sich noch, unter diesen Voraussetzungen Jurist zu werden? Ja, wenn der oder die Anwalts-Aspirantin den schwieriger gewordenen Arbeitsmarkt stets im Blick hat und rechtzeitig die passenden Kompetenzen erwirbt, meint Hariolf Wenzler, Geschäftsführer der privaten Bucerius Law School in Hamburg. "Es gibt nicht zu viele Juristen. Es gibt allerdings zu viele Juristen ohne Profil."

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