Sonntag, 4. Dezember 2016

Neue Kürzungsrunde für Lebensversicherte Marktführer Allianz Leben verschreibt sich dem Mittelmaß

Alles Essig mit der Altersvorsorge? Ob man dem Nachwuchs heute noch ruhigen Gewissens eine Lebensversicherung empfehlen kann, bezweifeln Kritiker. Der Markt steht vor einer neuen Kürzungsrunde

"Gut getimt" dürften verärgerte Lebensversicherungskunden jetzt gedacht haben: Kaum hatte die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa am Mittwoch die anhaltenden Niedrigzinsen erneut als großes Problem der Branche beschrieben, kündete die Allianz Lebensversicherung empfindliche Einschnitte an. Die Wettbewerber dürften dem Marktführer folgen

Für die klassische Lebens- und Rentenversicherung mit einer lebenslangen Garantieverzinsung will die Allianz ihren Kunden in 2016 nur noch 3,7 Prozent auf den Sparanteil gutschreiben, also ohnehin nur auf 80 bis 85 Prozent des Monatsbeitrags.

Im diesen Jahr waren es noch 4,0 Prozent Verzinsung. Damit rutscht auch der Marktführer unter die 4-Prozent-Marke. Sie galt im Markt lange Zeit als wichtige Hürde, die sozusagen die Spreu vom Weizen trennte.

In der Gesamtverzinsung von 3,7 Prozent ist allerdings auch der Schlussüberschuss eingerechnet, der erst zum Vertragsende anfällt und die Beteiligung des abgängigen Kunden an den Bewertungserven auf festverzinsliche Wertpapiere. Ohne diese Komponenten liegt im kommenden Jahr die laufende Überschussbeteiligung der Allianz nur noch bei mageren 3,1 Prozent und damit wohl kaum höher als im breiten Markt.

Von einem Konzern, der in diesem Jahr mit einen Gewinn von 10,8 Milliarden Euro rechtet und zu dem sein Lebensversicherer immer noch einen beträchtlichen Beitrag leistet, dürften viele Kunden mehr erwarten. "Die Absenkung bei der Allianz werte ich als bewusste Vorsichtsmaßnahme", kommentierte daher auch Assekurata-Analyst Lars Heermann am Mittwoch.

Neue Policen sollen das Geschäftsmodell retten

Für viele Anbieter bringt eine stärkere Reduzierung der Überschussbeteiligung kaum noch Vorteile. Kunden mit älteren Verträgen müssen die Unternehmen ohnehin mehr zahlen, weil ihr garantierter Zins bis zum Jahr 2003 noch bei 3,25 Prozent und höher lag. 3 Prozent seien eine Schwelle, die viele nicht unterschreiten wollten, glaubt der Analyst. "Dann gilt es den Nutzen gegen den drohenden Imageverlust abzuwägen."

Da Verträge mit knapp 3 Prozent Garantiezins im Branchenschnitt immer noch das Gros des Bestands ausmachen und festverzinsliche Anlage diese Renditen kaum noch abwerfen, haben sich mittlerweile auch die meisten großen Anbieter von der klassischen Police losgesagt.

Sie versuchen wie die Allianz, Verträge ohne lebenslange Garantien zu verkaufen. Das entlastet die Bilanz, denn hohe Garantien kosten Kapital, das die Unternehmen im Zuge einer schärferen Regulierung für die Ansprüche zurücklegen müssen. Die verpflichtende Zinszusatzreserve als zusätzlicher Kapitalpuffer dürfte nach Expertenschätzungen in diesem Jahr auf 31 Milliarden Euro ansteigen - das ist Geld, das für die laufende Überschussbeteiligung fehlt.

Neuartige Policen ohne lebenslangen Garantiezins gelten als renditeträchtiger, der Kunde geht damit allerdings auch größere Kapitalmarktrisiken ein. Zugleich halten Experten vom Bund der Versicherten die Garantiekonstruktionen dieser Produkte für intransparent.

Sollte sich der Markt künftig zudem vom einheitlichen Garantiezins verabschieden können, was politisch diskutiert aber noch nicht in trockenen Tüchern ist, sei ein Vergleich der verschiedenen Produkte gänzlich unmöglich, monieren die Kritiker.

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