Montag, 10. Dezember 2018

Entrepreneure des Jahres (7) - Alexander Brochier Stiller Genießer

Unruhestand: Alexander Brochier in der von ihm gegründeten Kindertagestätte Mio in Nürnberg
Janek Stroisch für manager magazin
Unruhestand: Alexander Brochier in der von ihm gegründeten Kindertagestätte Mio in Nürnberg

Reiche Menschen sollten von ihrem Vermögen etwas abgeben, fordert der Unternehmer und geht mit gutem Beispiel voran: Er gründete schon früh eine Stiftung für benachteiligte Kinder. Alexander Brochier bekam den "Ehrenpreis für Soziales Engagement" des Wettbewerbs Entrepreneur des Jahres 2018 verliehen.

Seit 22 Jahren wird von der Beratungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) der Wettbewerb "Entrepreneur des Jahres"veranstaltet. manager magazin ist Partner des Wettbewerbs, bei dem wachstumsstarke und innovative Unternehmen in folgenden fünf Kategorien gekürt werden: Industrie, Konsumgüter/Handel, Dienstleistung, Digitale Transformation und Junge Unternehmen.

Die fünf Sieger werden von einer renommierten Jury (darunter Unternehmer Patrick Adenauer und Bertelsmann-Gesellschafterin Brigitte Mohn) ausgewählt. Außerdem bestimmt die Jury zwei Ehrenpreisträger. Zum einen wird ein erfolgreiches Familienunternehmen geehrt, zum anderen ein Unternehmen für außergewöhnliches soziales Engagement. Die Preise wurden bei einer Gala im Deutschen Historischen Museum in Berlin überreicht. Aus den fünf Kategoriesiegern wird ein Primus inter pares ausgewählt, der Deutschland bei der Wahl zum "World Entrepreneur of the Year" vertritt. Dieses Event, bei dem sich über 50 Landessieger präsentieren, findet im Frühjahr in Monte Carlo statt. Mehr Infos zum Wettbewerb finden Sie hier.

Kinder, Kinder
Der Preisträger
Alexander Brochier (68) studierte an der Universität Innsbruck ­Betriebswirtschaft. Schon mit 26 Jahren wurde er Geschäftsführer der Brochier Haustechnik GmbH, eines Unternehmens der Brochier Gruppe in Nürnberg. Später wurde er Chef der Gruppe, ehe er 2016 an seinen Neffen übergab.
Die Engagements
Bereits 1992 gründete er die Alexander Brochier Stiftung und stattete sie mit einem Vermögen von fünf Millionen Mark aus, das er später auf fünf Millionen Euro erhöhte. Stiftungszweck: „Unterstützung von Kindern in schwierigen Lebenssituationen.“ Die Stiftung ist Träger zweier Kitas in Nürnberg und eines heilpädagogischen Heims in Tschechien. 1997 gründete Brochier die Non-Profit-Gesellschaft ­Stiftungszentrum.de, aus der das Haus des Stiftens in München entstand, in dem Stifter beraten werden. Seit acht Jahren engagiert sich Brochier für eine Stadtteilpartnerschaft in Nürnberg-Gostenhof.

Heidelberg, Ende der 60er Jahre. In verrauchten Kneipen diskutierten linke Studenten über Marx, Vietnam und den bösen Spätkapitalismus. Mittendrin in dem Theoriezirkel ein Unternehmersohn: Alexander Brochier, langhaarig und aufmüpfig. Er war auf dem Sprung nach Afrika, irgendwas mit Entwicklungshilfe oder so.

Als er dies seinem Vater Michael ankündigte, der in Nürnberg damals in dritter Generation das Unternehmen Brochier leitete, war es vorbei mit der familiären Eintracht. Der Vater hielt dem jungen Mann einen Vortrag über die Chancen in einem Familienunternehmen - und forderte gleichzeitig von ihm Autoschlüssel und den Auszug aus dem elterlichen Haus.

Diese väterliche Zuckerbrot-und-Peitsche-Taktik wirkte: Alexander studierte fortan Betriebswirtschaft an der Uni Innsbruck - fernab revolutionärer Umtriebe - und stieg mit 26 Jahren als Juniorchef der Brochier Haustechnik ins elterliche Unternehmen ein, das er erst 2016 wieder verließ, als Chef natürlich.

Heute ist der Alt-68er Alexander Brochier 68 Jahre alt. Die grauen Haare sind sportlich-kurz geschnitten. Er will nicht mehr das System verändern, sondern nur das Denken und Handeln innerhalb des Systems, vor allem das der Manager und Unternehmer.

Er kritisiert deren egoistisches Verhalten: "Das oberste Prozent der Superreichen in Deutschland spendet im Schnitt nur 1800 Euro im Jahr." Dieser Geiz mache ihn verrückt. Er sagt - oder besser fordert -, dass die Reichen 5 bis 10 Prozent ihres Vermögens für soziale Zwecke spenden sollten.

So wie er. Bereits 1992 gründete er die Alexander Brochier Stiftung und stattete sie mit fünf Millionen Mark aus, später stockte er auf fünf Millionen Euro auf, womit er seine eigene Vorgabe erfüllt. Immer wieder schießt er aus seinem Vermögen nach.

Warum so früh schon eine Stiftung? Zur Antwort muss er ausholen. Das große Nachdenken setzte bei ihm nach dem Besuch eines Managementseminars im Fichtelgebirge ein. Das war im Mai 1986. Damals forderte der Seminarleiter die Teilnehmer auf, ihre eigene Grabrede zu formulieren. Brochier grübelte über Sinn und Zweck seines irdischen Daseins nach.

Die Superreichen könnten durchaus 5 bis 10 Prozent ihres Vermögens spenden."

Alexander Brochier

Nur Unternehmer sein? Das schien ihm zu wenig. Und so kam er zur Erkenntnis: "Du musst Nutzen schaffen, und zwar mehr als andere. Nutzen für die Gesellschaft und die Stadt, in der du lebst."

Seine Stiftung hat vor allem einen Zweck: "Unterstützung von Kindern in schwierigen Lebenssituationen." Kinder sind seine "Zielgruppe". Brochier sagt: "Für mich sind Kinder die Einzigen, die rein gar nichts für ihre Situation können, sondern einfach hineingeboren werden. Ich hätte ja genauso gut als Straßenkind in Indien auf die Welt kommen können."

Er engagiert sich aber nicht in Asien, Afrika oder Südamerika, sondern vor der Haustür. Seine Begründung: "Ich wollte immer Projekte, zu denen ich persönlich hinfahren und bei denen ich selbst helfen kann." An einem heißen Sommertag fährt er in seinem Mini-Cabrio von seinem Büro im Osten Nürnbergs Richtung Westen. Ziel ist die Kindertagesstätte Mio in Nürnberg-Gostenhof.

Als Brochier das Türgatter zum Hof der Kita öffnet, sagt er: "Das ist die schönste Kita Nürnbergs." Ein geräumiger Spielplatz breitet sich vor dem zweistöckigen Gebäude aus. Eine bunte Kinderschar tobt durchs Haus.

Alexander Brochier - selbst Vater von sechs Kindern - sitzt da inmitten wilden Geschreis und lauten Lachens von Kindern, die nicht ahnen, dass er der reiche Onkel ist, der ihnen dies alles ermöglicht. Für ihn sind das Momente, die er genießt, weil er sieht, dass sich sein Einsatz lohnt.

Zwei privat betriebene Kitas hat Brochier in Nürnberg gegründet und finanziert. Dazu noch ein Kinderheim in Pribram in der Tschechischen Republik. Inzwischen hat Brochier in seiner Heimatstadt ein weiteres Projekt angestoßen. Zusammen mit dem Sozialreferat hat er ein Modell der Stadtteilpartnerschaft entwickelt. Sie haben sich dafür den Problembezirk Gostenhof - auch Gostanbul genannt - ausgesucht.

In vielen Projekten werden dort sozial Benachteiligte gefördert, und es wird Integration praktiziert. Brochier konnte Firmen wie Schwan-Stabilo und Siemens für die Mitarbeit gewinnen. Das ist ihm wichtig: Er will kein Einzelkämpfer sein, er will Nachahmer finden. Er geht deshalb auf Reisen, hält Vorträge in anderen Städten.

So hat er auch die Stiftungsidee bundesweit propagiert. Weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig und bürokratisch das Gründen und Betreiben einer Stiftung ist, hat er schon vor Jahren das Haus des Stiftens in München gegründet. Dort bekommen Stifter Rat und Hilfe von rund 50 fest angestellten Experten.

Brochiers Schlusswort deshalb: "Stiften kann so einfach sein. Man muss es nur wollen."

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