Sonntag, 30. April 2017

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Frankreich-Wahl Das Albtraum-Duo der Börsianer

Die Präsidentschaftskandidaten in Frankreich mit den besten Chancen: Der Konservative François Fillon, der unabhängige Bewerber Emmanuel Macron, der Linke Jean-Luc Mélenchon und die Rechtspopulistin Marine Le Pen (v. l.)

Börsianer geben sich vor der Frankreich-Wahl weitgehend gelassen. Doch es gibt ein Worst-Case-Szenario für die Investoren, und es ist längst nicht ausgeschlossen, dass es am Sonntag eintritt.

Die Wahl in Frankreich am kommenden Sonntag hält auch die Börse in Atem, denn es gibt mindestens einen denkbaren Wahlausgang, der aus Sicht der Anleger eine mittlere Katastrophe bedeuten dürfte: Sollten es am Sonntag sowohl die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen vom Front National als auch der Extrem-Linke Jean-Luc Mélenchon in die Stichwahl 14 Tage später schaffen, stünden den Finanzmärkten wohl einige heftige Turbulenzen bevor.

Der Grund: In dem Fall stünde fest, dass einer der beiden künftig als Staatspräsident beziehungsweise -präsidentin die Macht in Frankreich hätte. Und sowohl Le Pen als auch Mélenchon vertreten Ansichten, die das bestehende Wirtschaftssystem grundlegend in Frage stellen.

Während die Chefin des Front National vermutlich dazu ansetzen würde, Frankreich aus dem Euro zu manövrieren, präferiert der Linke Mélenchon Steuersätze von bis zu 100 Prozent auf besonders hohe Einkommen. Beides gilt unter Fachleuten nicht eben als förderlich für die Stabilität der französischen Wirtschaft sowie der Euro-Zone insgesamt, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Das die Börse solche Szenarien durchaus ernst nimmt, war in den vergangenen Monaten mehrfach zu beobachten: Immer dann, wenn die Umfragewerte der extremen Kräfte zulegten, ging es mit den Aktienkursen insbesondere französischer Banken abwärts. Die Institute dürften den Wahlkampf besonders aufmerksam beobachten, würde ihnen doch ein Sieg Le Pens oder Mélenchons zusätzlich auch noch erforderliche Effizienzmaßnahmen wie Filialschließungen oder Stellenstreichungen erschweren.


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Auch die jüngsten Umfragen lassen einen solchen Wahlausgang keineswegs unmöglich erscheinen. Zwar liegt der unabhängige Kandidat Emanuel Macron in einer Erhebung des Instituts Elabe, die am Freitag veröffentlicht wurde, mit 24 Prozent vorne. Le Pen (21,5 Prozent), der Konservative François Fillon (20 Prozent) sowie Mélenchon (19,5 Prozent) folgen jedoch beinahe gleichauf dicht dahinter. Ein noch engeres Bild ergibt zudem eine ebenfalls am Freitag publizierte Umfrage von Opinionway: Darin liegt Macron (23 Prozent) vor Le Pen (22 Prozent), Fillon (21 Prozent) und Mélenchon (18 Prozent). Damit verliert zumindest Letzterer zwar gegenüber einer vorherigen Opinionway-Umfrage einen Prozentpunkt. Eigentlich scheint der Linke Mélenchon jedoch derzeit ein positives Momentum auf seiner Seite zu haben.

Möglich also, dass die Wahl am Sonntag das Duo Le Pen/Mélenchon als Überraschungssieger hervorbringt. Wir erinnern uns: Auch beim Brexit-Votum im Juni vergangenen Jahres in Großbritannien sowie bei der US-Wahl einige Monate später wurden viele Prognosen durch die Realität widerlegt. Und die Tatsache, dass die Schüsse am Donnerstag mitten in Paris, bei denen ein Polizist ums Leben kam und eine deutsche Touristin verletzt wurde, das Thema Terror in Frankreich wieder in den Fokus gerückt haben, könnte den extremen politischen Lagern unmittelbar vorm Urnengang ebenfalls nochmals Auftrieb geben.

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