Donnerstag, 19. Oktober 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Korruptionsvorwürfe bei Airbus Airbus-Chef Enders sieht Airbus vor "schwierigen Zeiten"

Airbus-Chef Thomas Enders: "Keep calm and carry on"

Die Ansage von Airbus -Chef Tom Enders an seine Mitarbeiter verrät, wie dramatisch die Situation ist. "Keep calm and carry on", schrieb er in einem Rundschreiben an die Beschäftigten des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns - ruhig bleiben und weitermachen. Eine britische Durchhalteparole aus Kriegszeiten.

Europas Flugzeugriese wird von schweren Turbulenzen erschüttert. Behörden ermitteln nach einer Selbstanzeige schon länger wegen Korruptionsverdachts. Enders ungewöhnlicher Brief machte nun die Dimension der Angelegenheit deutlich: Der Deutsche sprach von einer Krise und warnte vor der Möglichkeit "schwerwiegender Konsequenzen, einschließlich erheblicher Strafen für das Unternehmen".

Auch an der Börse war daraufhin am Montag Verunsicherung zu spüren. Die Aktie der Airbus Group Börsen-Chart zeigen gab im frühen Handel 4 Prozent nach und stand am Nachmittag noch mehr als zwei Prozent im Minus. "Der Markt erwartet unserer Ansicht nach Strafen zwischen 0,5 und 1,0 Milliarde Euro, was plausibel erscheint", meinte ein Börsenhändler - bislang sind solche Zahlen aber reine Spekulation.

Eurofighter-Verkauf an Österreich im Visier der Behörden

Berichte des Nachrichtenmagazins "DER SPIEGEL" hatten das Thema zurück ins Rampenlicht katapultiert. Gesprochen wird über zwei Themenblöcke: Zum einen die Umstände des Verkaufs von 15 Eurofighter-Kampfjets nach Österreich. Zum anderen Ermittlungen britischer und französischer Behörden wegen Korruptionsvorwürfen beim Geschäft mit Passagierflugzeugen.

Das britische Serious Fraud Office (SFO) ermittelt in diesem Zusammenhang seit vergangenem Jahr wegen des Verdachts auf Betrug, Bestechung und Korruption. Airbus hatte nach eigenen Angaben selbst "falsche Angaben und Auslassungen" in Anträgen auf Finanzierungshilfen für Airbus-Kunden entdeckt und bei den Behörden angezeigt. Es geht um die Zusammenarbeit mit externen Beratern. Zu Details äußert das Unternehmen sich weiterhin nicht.

Schon deutlich länger laufen die Untersuchungen zum Kampfjet-Geschäft mit Österreich. Airbus erklärt auf seiner Webseite, dass diese Ermittlungen in Wien und München nicht mit denen in Frankreich und Großbritannien zusammenhingen - und auch die Behörden haben bislang nicht von einer Verbindung gesprochen.

Staatsanwaltschaft München prüft Zahlungen

Die Staatsanwaltschaft München prüft im Zusammenhang mit dem Eurofighter-Verkauf seit 2012 Zahlungen an Firmen in Großbritannien. Sie geht nach früheren Angaben dem Verdacht nach, dass aus dem Konzern Geld in schwarze Kassen geflossen sein könnte, um daraus Schmiergeld zu zahlen. Es gebe aber "wenig Anhaltspunkte" für Bestechung, hatte die Behörde im Februar erklärt.

Wann die Ermittlungen abgeschlossen werden, ist noch unklar, die Behörde äußert sich derzeit auf Anfrage nicht dazu. "Airbus hat immer klar gesagt, dass es die Vorwürfe im Herzen dieses Falls als unbegründet ansieht", teilte das Unternehmen am Wochenende mit.

Auf österreichischer Seite hatte das Thema Anfang des Jahres durch heftige Vorwürfe und eine Strafanzeige der Regierung wegen Täuschung und Betrugs neuen Pfeffer bekommen. Es geht unter anderem um die damals vereinbarten Gegengeschäfte - also Geschäfte zugunsten der österreichischen Wirtschaft, die von der Eurofighter Jagdflugzeuge GmbH vermittelt werden sollten. Airbus weist die Anschuldigungen aus Wien komplett zurück: "Diese Vorwürfe sind konstruiert und juristisch substanzlos", erklärte Airbus-Chefanwalt Peter Kleinschmidt kürzlich.

Korruptionsvorwürfe im Geschäft mit Verkehrsflugzeugen besonders heikel

Als aus Airbus-Sicht deutlich heikleres Thema erscheinen daher die Korruptionsvorwürfe beim Geschäft mit Verkehrsflugzeugen. Enders verteidigte in seinem Brief die Selbstanzeige - "der einzige Weg im Einklang mit unseren Wertvorstellungen", wie er schreibt.

Spekuliert wird, dass diese grundsätzlich auch die Möglichkeit zu einer Einigung mit der SFO eröffnen könnte, einem sogenannten Deferred Prosecution Agreement, bei dem das Verfahren gegen Zahlung einer Strafe beigelegt werden könnte.

Klar ist aber, dass der europäische Riese (mit fast 67 Milliarden Euro Umsatz und 134.000 Mitarbeitern) an der Angelegenheit noch länger zu knabbern haben wird. Das könnte auch am Image kratzen - zu einem Zeitpunkt, wo der amerikanische Erzkonkurrent Boeing Börsen-Chart zeigen bei der Zahl der Flugzeugbestellungen in diesem Jahr bislang deutlich in Führung liegt.

Im Video: Sturmtief trifft A380 - dramatische Landung in Düsseldorf

Airbus setzt deshalb schon länger auf demonstratives Auskehren. So berät etwa der langjährige Bundesfinanzminister Theo Waigel das Unternehmen seit einigen Monaten bei der Kontrolle von Rechtsstandards. In Gewerkschaftskreisen ist bereits die Befürchtung zu hören, dass falls tatsächlich höhere Strafzahlungen fällig werden sollten, dies zulasten der Arbeitnehmer gehen könnte.

Das Unternehmen betont, dass der Verwaltungsrat sich noch vergangene Woche voll hinter Enders und Chef-Jurist John Harrison gestellt habe. Enders machte in seinem am vergangenen Freitag verschickten Brief aber auch klar, dass es noch ein langer Weg wird. Und hinter den Kulissen scheint es heftig zu rumoren. Darauf lässt jedenfalls Enders Satz schließen, es sei "mit Leaks, falschen Informationen und auch mit Versuchen Einzelner zur rechnen, im eigenen Interesse das Top-Management zu diskreditieren"

Gute Geschäfte mit A380: Warum ein ausrangierter Riesenflieger notgeparkt wird

Vor dem Hintergrund des Verdachts auf Korruption und Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe haben die Aktien von Airbus am Montag zeitweise kräftig nachgegeben. Sie büßten zunächst rund 4 Prozent ein und notierten im späten Handel noch rund 2,5 Prozent im Minus.

Von Sebastian Kunigkeit, dpa

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH