Freitag, 22. März 2019

Neuordnung der Luftfahrtbranche Wie die Lufthansa bei Air Berlin mitregiert

Lufthansa greift nach Air Berlin: So sortiert dich der deutsche Luftraum neu
DPA

Der Chefwechsel bei Air Berlin ist das bisher jüngste Kapitel einer Neuordnung der deutschen Luftfahrtbranche. Lufthansa-Chef Carsten Spohr mischt dabei kräftig mit: Gewinner und Verlierer der Neuordnung am deutschen Himmel.

Ein Lufthansa-Manager übernimmt das Cockpit des Konkurrenten Air Berlin: Hintergrund für den Abschied von Stefan Pichler als Chef von Air Berlin ist die neue Aufstellung der Airline. Sie hat jüngst ihre touristische Flotte an ein Joint Venture von Etihad Airways und Tui abgegeben. Außerdem wurden 38 Flugzeuge im Rahmen einer "Wet Lease" Vereinbarung langfristig an die Lufthansa Gruppe vermietet. Die neue Air Berlin werde sich auf die Entwicklung ihres Langstrecken-Netzwerks mit 75 Flugzeugen ab Berlin und Düsseldorf konzentrieren, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft.

Doch auch bei den verbliebenen Langstrecken wird nach Informationen aus Branchenkreisen über eine Lösung mit dem deutschen Marktführer Lufthansa diskutiert. Diese Konstellation verschaffte Lufthansa-Lenker Carsten Spohr (50) reichlich informellen Einfluss: Nach Informationen von manager-magazin.de drängte er bei den Verantwortlichen von Air Berlin darauf, dass künftig ein Mann seines Vertrauens Air Berlin führt. Dieser soll einen reibungslosen Ablauf des Mietgeschäfts sicherstellen und zugleich den verbliebenen Rest der alten Air Berlin an die Lufthansa heranführen.

Die Leitung von Air Berlin soll daher ab 1. Februar Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann übernehmen, wie Air Berlin am Sonntag bestätigte. Winkelmann, der am 20. Dezember 57 Jahre alt wird, war langjähriger Chef des Lufthansa-Billigablegers Germanwings und verantwortet derzeit das Lufthansa-Drehkreuz München.

Der Austausch Pichlers ist die zweite radikale Personalie Spohrs innerhalb weniger Wochen: Erst Anfang Dezember hatte er die Verpflichtung von Thorsten Dirks für die Spitze der Billigtochter Eurowings bekannt gegeben. Dirks führt bislang den Deutschlandableger des Telefonunternehmen Telefonica (O2).

Spohr hatte wiederholt angedeutet, dass er sich nicht nur für die jetzt gemieteten Flugzeuge interessiert, sondern auch für die Fernflotte und den innerdeutschen Dienst von Air Berlin. Damit könnte er die Vormachtstellung der Lufthansa in Deutschland trotz der Attacken von Billigfliegern wie Ryanair oder Easyjet festigen. De facto würde Air Berlin sanft in der Lufthansa aufgehen.

Winkelmanns neuer Vertrag soll nach Informationen von manager-magazin.de eine Laufzeit von eineinhalb Jahren haben. Air Berlin äußerte sich dazu nicht. Offenbar soll er den Zusammenschluss der beiden größten deutschen Fluglinien in diesem Zeitraum bewerkstelligen. Noch nicht entschieden ist allerdings, wer für die hohen Schulden von Air Berlin von rund 1 Milliarde Euro aufkommen soll.

Der Himmel über Deutschland wird neu aufgeteilt - die Konsequenzen

Mit der faktischen Zerschlagung von Air Berlin wird die Luftfahrt in Deutschland neu geordnet: Air Berlin, die sich noch vor wenigen Jahren auf einem selbstbewussten Wachstumskurs befand, muss seine Flotte halbieren und rund 1200 Mitarbeiter verabschieden. Gewinner ist die Lufthansa-Tochter Eurowings. Sie bekommt auf die Schnelle 38 Maschinen aus dem Air-Berlin-Bestand zu einem vermutlich attraktiven Mietpreis. Damit erreicht der Niedrigpreis-Flieger eine gute Kampfgröße von etwa 160 Flugzeugen und ist die europäische Nummer drei in dem Segment.

Damit ist Ethihads Angriff auf den europäischen Markt vorerst verpufft. Die Airline aus Abu Dhabi hatte mit Air Berlin große Pläne für ein europäisches Standbein. Nun ruhen die Hoffnungen auf der 49-Prozent-Beteiligung Alitalia. Doch auch die Italiener schreiben (noch) notorisch Verluste. Etihads Gegenrezept heißt wie bei Air Berlin: sparen. Doch die Uhr tickt: In Italien hat Ryanair den Ex-Platzhirschen auf Inlandsflügen als Nummer Eins bereits verdrängt.

Die Zerschlagung von Air Berlin wirkt sich auch auf den Ferienfliegermarkt aus. An den Start geht eine neue Gesellschaft, in die Maschinen der Tui-Tochter Tuifly und von Air Berlins Marke Niki einfließen. Gänzlich uninteressiert an den Vorgängen zeigt sich auch die Lufthansa nicht. Man schaue immer nach Gelegenheiten, sagte Eurowings-Chef Karl Ulrich Garnadt - gefragt, ob die Lufthansa an der Neuausrichtung des Ferienflieger-Marktes mitwirken wolle.

Für Branchenexperten ist das, was gerade in der europäischen Luftfahrtindustrie passiert, nichts anderes als eine Konsolidierung. Die Zeiten, in denen Airlines mit niedrigen Preisen blind expandierten, sind offenbar zunächst vorbei. Stattdessen konzentrieren sich Flugzeuge zunehmend in den Händen weniger Gesellschaften. Das kleine Einmaleins der Marktwirtschaft legt nahe, dass deshalb die Ticketpreise steigen. Wettbewerbsexperte Justus Haucap rechnet mit 10 bis 20 Prozent. Zuletzt steigende Ölpreise verstärken den Trend.

In Dublin und London verfolgen die Manager von Easyjet und Ryanair die gegenwärtige Neuordnung des Luftraums über Deutschland (und anderen Teilen Europas) sicher auch mit freudigen Gefühlen. Zwar erwächst ihnen in Eurowings nominal ein potenter Konkurrent. Doch die Konsolidierung nimmt den Billigheimern vermutlich auch etwas Wettbewerbsdruck weg - vor allem, wenn die Preise nun etwas steigen. Gelegen kommt den Discountern auch, dass etablierte Flughäfen wie Frankfurt um sie buhlen, weil die Nachfrage nach Flugreisen in Mitteleuropa langsamer wächst als erwartet.

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