Sonntag, 23. September 2018

Die Politik, die Lufthansa und das Streben nach einem "deutschen Champion" Das unwürdige Schauspiel um Air Berlin

Air Berlin: Es gibt keinen ökonomisch vertretbaren Grund, politisch in dieses wettbewerbsrechtlich brisante Thema einzugreifen
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Air Berlin: Es gibt keinen ökonomisch vertretbaren Grund, politisch in dieses wettbewerbsrechtlich brisante Thema einzugreifen

Ich gestehe, als Vielreisender habe auch ich mich in der Vergangenheit schon über Air Berlin Börsen-Chart zeigen geärgert. An geringen Sitzabständen, verspäteten oder gestrichen Flügen, ausgedünnten Flugplänen, patzigem Personal und altem Fluggerät gelitten. Und ja, ich habe meinem Ärger auch in Gesprächen und über soziale Medien Luft gemacht. Aber jetzt ist es an der Zeit, Partei für Deutschlands zweitgrößte Fluglinie zu ergreifen.

Denn das, was sich seit dem Insolvenzantrag von Air Berlin hierzulande abspielt, ist einfach unwürdig. Unwürdig für die deutsche Politik. Unwürdig für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Und unwürdig für die Kunden.

Matthias Meifert
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    Matthias Meifert ist Unternehmensberater, Publizist und geschäftsführender Gesellschafter der HRpepper Management Consultants, ein auf Fragen des Peoplemanagements spezialisiertes Beratungsunternehmen. Er lehrt an diversen Universitäten und wird seit 2013 vom Personalmagazin als einer der "40 führenden Köpfe im Personalwesen" geführt. Von 2010 bis 2014 beriet er als Mitglied des Beirats für Fragen der Inneren Führung den Bundesminister der Verteidigung.

Seit Jahren gibt es einen ruinösen Preiswettbewerb über den Wolken. Billigairlines wie Ryanair Börsen-Chart zeigen oder Easyjet Börsen-Chart zeigen avancieren zu Gewinnern eines kompetitiven Endspiels. Es scheint, als seien nur die wenigsten Airlines noch in der Lage, ihr Geschäftsmodell nachhaltig und profitabel betreiben zu können. Größe wird immer mehr zum entscheidenden Faktor, um so Economies of Scale heben zu können.

Die kleineren Anbieter haben das Nachsehen oder müssen ihr Heil in Kooperationen suchen. So bietet die Lufthansa-Tochter Eurowings inzwischen ein Plattformkonzept an, das dem des Fernbusbetreibers Flixbus ähnelt. Kleinere Airlines können damit die Aufgabe ihrer eigenen Markenidentität gegen Zukunftschancen tauschen.

Angriff der Pseudo-Experten

Diverse Airlines erwägen diesen Schritt offenbar. Und einer der ersten, der mit einem Teil seiner Flotte unter das Eurowings-Dach schlüpfte, war ausgerechnet Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann, der - so ein Zufall! - zuvor knapp 20 Jahren für die Lufthansa Börsen-Chart zeigen gearbeitet hatte. Nun sind Fachleute in der Aviation sicherlich nicht einfach zu finden, bemerkenswert ist dieses nicht ganz unwesentliche Detail angesichts der tiefen Krise bei Air Berlin aber schon.

Was aber noch bemerkenswerter ist: Über Nacht sind etliche Landes- und Bundespolitiker plötzlich zu Fachleuten in Sachen Luftfahrt mutiert. Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, erklärt, dass das Modell Air Berlin gescheitert sei und das Unternehmen daher als eigenständiges Unternehmen nicht weiter existiere könne und aufgeteilt werden müsse. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller spricht sich im Bieterrennen um de Hauptstadtcarrier klar für die Lufthansa aus, denn diese - und offenbar nur diese - sei ein "verlässlicher Partner". Ähnlich äußern sich der Bundeswirtschaftsminister und sogar der Ministerpräsident des Freistaats Bayern.

Es drängt sich die Frage auf, was diese Persönlichkeiten eigentlich treibt. Warum mischen sie sich ohne Not in Verhandlungen ein, die Sache des Insolvenzverwalters und der Unternehmensvertreter sind - und nirgends anders hingehören? Wo waren all diese selbsternannten Experten, als es um die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Luftfahrt in Deutschland ging? Und aus welchen Motiven werben sie insbesondere für einen der potenziellen Käufer?

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