Freitag, 22. September 2017

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Massenhafte Krankmeldungen Piloten proben Aufstand - Lage bei Air Berlin eskaliert

  "Diesen Skandal lassen wir uns nicht bieten":  Piloten von Air Berlin sehen sich im Insolvenzverfahren offenbar als Spielball missbraucht. Immer mehr Maschinen von Air Berlin bleiben am Boden
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"Diesen Skandal lassen wir uns nicht bieten": Piloten von Air Berlin sehen sich im Insolvenzverfahren offenbar als Spielball missbraucht. Immer mehr Maschinen von Air Berlin bleiben am Boden

Droht Air Berlin noch vor einem Eigentümerwechsel im Chaos zu versinken? Allein am Dienstag fallen mindestens 100 Flüge aus. Hintergrund dürfte ein massiver Konflikt zwischen Piloten und Geschäftsführung sein. Die Piloten fürchten offenbar, dass sie kalt abserviert werden sollen.

Eigentlich sollte der 150-Millionen-Euro-Kredit der staatlichen Bank KfW dazu beitragen, dass Air Berlin den regulären Flugbetrieb aufrechterhalten kann - bis ein oder mehrere neue Eigentümer gefunden sind. Doch die Lage der insolventen Fluggesellschaft verschlechtert sich von Tag zu Tag. Für den heutigen Dienstag sagte Air Berlin offiziell rund 100 von 750 Flügen ab.

"Der Grund sind circa 200 Krankmeldungen von Piloten", sagte Unternehmenssprecher Ralf Kunkel. Air Berlin hat rund 1500 Piloten. Eine so hohe Zahl von Krankmeldungen sei absolut unüblich, hieß es. Allein an den Drehkreuzen Düsseldorf und Berlin-Tegel fielen nach Betreiberangaben jeweils 20 Abflüge aus, weitere 34 seien es am Flughafen Stuttgart gewesen.

In einer internen Mitteilung der Air Berlin, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, wählte Flottenchef Oliver Iffert deutliche Worte: "Heute ist ein Tag, der die Existenz der Air Berlin bedroht." Für die Verhandlungen mit Interessenten über eine Übernahme von Teilen des Unternehmens seien die Ausfälle "pures Gift", ebenso für das Ziel, dabei so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten.

Der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus erklärte, die Ereignisse vom Dienstag "gefährden das gesamte Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung massiv". Sollte sich die Lage nicht kurzfristig ändern, müssten Betrieb und Sanierungsbemühungen eingestellt werden.

Die "Bild" schrieb in ihrer Online-Ausgabe, Hintergrund für die massenhaften Flugausfälle sei eine "Piloten-Revolte", weil der Zeitung zufolge am Montag die Verhandlungen zum Übergang von 1200 Air-Berlin-Piloten auf den potenziellen neuen Käufer von der Geschäftsführung abgebrochen wurden. Entgegen offiziellen Angaben berichtet die Zeitung von 127 Flügen, die bereits am Morgen ausgefallen sein sollen.

"Diesen Skandal lassen wir uns nicht bieten"

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) befürchtet, dass der Langstreckenbetrieb der Air Berlin komplett eingestellt werden könnte. VC-Präsident Ilja Schulz sagte der "Rheinischen Post" (Dienstag), es bestehe die Sorge, dass mit einer "enormen Preiserhöhung die Langstrecke so unattraktiv gemacht werden soll, dass sie noch vor der Übernahme eingestampft werden kann".

Hintergrund könnte Schulz zufolge sein, dass man insbesondere die gut bezahlten Langstreckenpiloten loswerden wolle, bevor es zu einer Übergabe von Betriebsteilen komme. "Die könnte der Insolvenzverwalter bei einer Einstellung der Langstrecke sofort entlassen wollen", sagte Schulz der Zeitung. "Die Braut wird quasi für die Hochzeit hübsch gemacht. Das ist ein Skandal, den wir uns so nicht bieten lassen."

Das Unternehmen bat Passagiere, vor der Anfahrt zum Flughafen den Status ihres Fluges unter www.airberlin.com/fluginfo zu prüfen. Reisende, die von Streichungen betroffen seien, solle die "bestmögliche Reisealternative" angeboten werden.

Erst am Montag hatte Air Berlin weitere Langstreckenflüge aus dem Programm genommen. Nach eigener Mitteilung beendet die Fluglinie zum 25. September 2017 ihr Karibik-Flugprogramm ab Düsseldorf. Ab dann entfallen unter anderem Flüge nach Mexiko, Kuba und die Dominikanische Republik.

rei/dpa/Reuters/afp

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