Freitag, 30. September 2016

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Kommentarreihe: Wie stark ist Deutschland wirklich? "Wachstum findet vor allem außerhalb Deutschlands statt"

BASF-Vorstandschef Kurt Bock: "Unsere Kunden sind nicht bereit, einen Energiezuschlag auf Produkte "Made in Germany" zu zahlen"

Unternehmen in Deutschland benötigen für Wachstum niedrigere Energiepreise und Planungssicherheit. Beides sieht BASF-Chef Kurt Bock nicht mehr gewährleistet. Er warnt davor, dass Firmen deshalb immer weniger in Deutschland investieren.

Wachstum braucht gute Bedingungen - das gilt für die Natur wie auch für die Industrie. Chemieunternehmen zum Beispiel brauchen rund um die Uhr Energie und zu wettbewerbsfähigen Preisen. Sie brauchen eine hohe Planungssicherheit. Und sie brauchen ein Klima, in dem neue Ideen und Technologien gut gedeihen können. Kommt das alles zusammen, investieren Unternehmen in bestehende und neue Produktionsanlagen. Sie forschen und entwickeln.

Derzeit findet Wachstum vor allem außerhalb Deutschlands statt. Während BASF in den vergangenen Jahren noch rund ein Drittel in Deutschland investiert hat, wird es in den nächsten fünf Jahren nur noch ein Viertel der weltweiten Investitionen sein. Was sagt das über die Bedingungen hierzulande?

Energie ist in Deutschland im weltweiten Vergleich teuer. Selbst wenn wir bei der Energieeffizienz noch deutlich zulegen könnten - die hohen Kosten würden wir damit nicht auffangen. Unsere Kunden sind nicht bereit, einen Energiezuschlag auf Produkte "Made in Germany" zu zahlen.

Konsens zwischen Bundesregierung und EU-Kommission nötig

Hinzu kommt: Planungssicherheit und Berechenbarkeit sind geringer geworden. Denn heute kann noch niemand sagen, ob der Bestandsschutz für unsere Kraftwerke, mit denen wir Dampf und Strom umweltfreundlich für die eigene Produktion erzeugen, über das Jahr 2016 hinaus bestehen bleibt. Deshalb brauchen wir dringend einen Konsens zwischen Bundesregierung und EU-Kommission, der uns künftige Investitionen ermöglicht.

Ist Deutschland angesichts hoher Energiepreise und der aktuellen Diskussion um die Energieabhängigkeit von anderen Ländern bereit, heimische Quellen zu erschließen? Mit unserem technologischen Wissen hierzulande können wir Schiefergas fördern, davon bin ich überzeugt. Stattdessen wird das Vorsichtsprinzip über alles gestellt, und es werden Ängste geschürt: Wenn nur die Vermutung besteht, dass etwas schief gehen könnte, gehen wir fest davon aus, dass es wahrscheinlich schief gehen wird. Und deshalb fangen wir überhaupt erst gar nicht an.

Mit dieser Einstellung wird es immer weniger Innovationen geben. Die Gesellschaft muss aber aufgeschlossen sein, Chancen zu sehen, und nicht ausschließlich über mögliche Risiken sprechen. Tut sie das nicht, werden uns andere Nationen überholen.

Die Amerikaner zum Beispiel haben eine einfache Position: Sie entscheiden auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Stellt sich heraus, dass ein Risiko besteht, wägt die Regierung Risiko und Nutzen sorgfältig gegeneinander ab. Da erstaunt es sehr, dass in Deutschland teilweise die Vorstellung besteht, dass der Verbraucherschutz in Amerika weniger ausgeprägt sei. Das können wir gerade am Beispiel des geplanten Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA verfolgen. Für die Chemie sehen wir die große Chance bei dem Abkommen gerade darin, dass wir bei Fragen der Regulierung zusammenkommen und dadurch aufwändige Doppelarbeiten vermeiden.

Wir wachsen kräftig im Ausland, wir investieren dort auch entsprechend. Wir brauchen aber um weltweit erfolgreich zu sein, auch unser starkes Standbein Deutschland.

Lesen Sie auch die Analyse in der Juli-Ausgabe des manager magazins zu den Bedrohungen für den Standort Deutschland.

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