Donnerstag, 24. August 2017

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Börsenfieber Wie gefährlich sind ETF?

London: Wo die Hedgefonds hausen
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In der Finanzindustrie verschärft sich der Kampf um die Anleger. Während Hedgefonds sich immer schwerer tun, Kunden zu begeistern, ziehen Exchange-Traded-Funds die Abermilliarden nur so an. Doch je größer die ETF werden, desto größer auch die Risiken - auch für das Vertrauen der Anleger.

London - Regentropfen tippen blechern auf Autodächer, auf die Land Rover und BMW. Grau in allen Schattierungen. Es tropft von den Baustellenabdeckungen, von den Regenschirmen der wenigen Passanten. Trotzdem strahlt der Berkeley Square im Londoner Edelstadtteil Mayfair Ruhe und Eleganz aus. Hier sollen Verlierer arbeiten?

Legt man aktuelle Einschätzungen zugrunde, ist genau das der Fall. Denn seit Jahren tobt der Kampf um die Gelder der Kunden. Und Hedgefonds scheinen ihn zu verlieren, Exchange-Traded-Funds (ETF) ihn zu gewinnen. Und wenn der Internationale Währungsfonds (IMF) und die Bank of England (BoE) recht haben, könnte genau das die Weltbörsen in Turbulenzen stürzen. Denn milliardenschwere Exchange-Traded-Funds (ETF) könnten die Finanzmärkte destabilisieren. Doch von Anfang an.

Schon immer prägten Zahlen die Finanzindustrie. Andere Sektoren sonnten sich in neuen Werkstoffen oder eleganten Designentwürfen - der Finanzindustrie blieb notgedrungen nichts anderes übrig, als allein die Zahl aufs Podest zu heben. Und so wurde alles gemessen, alles vermessen, alles in Zahlen gekleidet.

Wessen Produkte erwirtschaften die höchsten Wertzuwächse, wer verdient am meisten - und wer sammelt am meisten Geld bei Kunden ein? Hedgefonds hatten sich dabei in einer lukrativen Nische eingerichtet. Vom Vertrauen ihrer Kunden ließ es sich trefflich leben. Vor allem dank der Bereitschaft ihrer Investoren, die 2/20-Rechnung zu zahlen. 2 Prozent Verwaltungsgebühr zuzüglich 20 Prozent Performance-Gebühr. Damit ließ es sich trefflich leben, unter anderem am Berkeley Square, wo so viele Hedgefonds residieren wie sonst nirgends in Europa. Heißt es zumindest. Denn das Geschäft der Hedgefonds ist verschwiegen. So verschwiegen, dass auf den Dächern am Berkeley Square keine Reklame blinkt, wie sie an Firmensitzen sonst üblich ist. Stattdessen findet sich im besten Fall hinter den in Messing gravierten Firmennamen auf dem Klingelschild der Zusatz "Capital". Im besten Fall.

Das Wachstum der "Billigheimer"

Doch dieses stille Idyl könnte zerfließen wie der Regen auf den Fenstern des Bentley-Schauraumes am Berkeley Square. Denn ETF nehmen immer größere Anteile des Marktes für sich ein.

Einen "Rekord-April" vermeldete die Industrie jüngst. Über 30 Milliarden Dollar, rund 22 Milliarden Euro, flossen ihr allein im April weltweit zu. Während aktive Investmentfonds das Phänomen noch aus der Position des Volumensriesen beobachten, sehen sich Hedgefonds damit in diesem Jahr in Sachen verwaltete Gelder erstmals überholt, zeigen Berechnungen von S&P Dow Jones Indices .

Tatsächlich sind die Zeiten vorbei, in denen ein unerfahrener Fondsmanager ein Büro eröffnen, einen Hedgefonds mit opaker Strategie gründen - und sich über satte Kundenzuströme freuen konnte. Regulierung und wählerische Kunden machten dem ein Ende. Das Vertrauen gehört den ETF.

Doch was bedeutet díese Entwicklung - mehr ETF, weniger Hedgefonds - für die Anlagewelt? Treibt es etwa die Schwankungen des Gesamtmarktes nach oben, wie zum Beispiel der IMF bereits 2011 barmte? Und Andrew Haldane von der Bank of England in diesem Jahr wiederholte, weil sie bestehende Trends an der Börse verstärken? Immerhin kaufen und verkaufen ETF, je nach Konstruktionsweise, gemessen am Gewicht der einzelnen Aktien des Index. Steigen die Aktien im Wert, kauft er. Fallen sie, muss der ETF verkaufen.

Beschleunigen sie damit bestehende Entwicklungen? Oder trifft es nur spezielle Marktsegmente, zum Beispiel enge Märkte mit geringer Liquidität? Eine Spurensuche.

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