Samstag, 16. Dezember 2017

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Unternehmenskontrolle "Das Kriterium Frau alleine reicht nicht"

Keine Frauenquote: "Warum soll es eine Quote nur für Frauen und nicht für andere gesellschaftlich relevante Bevölkerungsgruppen geben?"

2. Teil: Wie unabhängig kann ein Aufsichtsrat sein?

mm: Aufseher haben häufig Geschäftsbeziehungen mit den Unternehmen, etwa als Bank oder als Kunde oder als Lieferant. Wie unabhängig kann ein Aufsichtsrat sein?

Schilling: Heute sind alle, die Aufseher suchen, sehr sensibilisiert für dieses Thema. Wenn früher ein möglicher Interessenkonflikt auftauchte, sah man sich das in aller Ruhe an, ließ von einem Anwalt überprüfen, ob wirklich etwas dran war und fällte erst dann eine Entscheidung. Heute kommt es gar nicht so weit. Wenn auch nur der leiseste Verdacht auf Interessenkonflikte besteht, sagen im Zweifel beide Seiten: Auf keinen Fall.

Keiner will sich vorwerfen lassen, die Forderung nach Unabhängigkeit verletzt zu haben. Ich sehe die immer schärferen Anforderungen an die Unabhängigkeit inzwischen als ein Problem: In letzter Konsequenz kann nur derjenige völlig unabhängig sein, der keinerlei Beziehung zum Unternehmen oder der Branche hatte oder hat. Nur wird so jemand normalerweise auch kein eigenständiges Geschäftsverständnis vom beaufsichtigten Unternehmen haben.

mm: Die Bundesregierung will eine 30-prozentige Frauenquote in den Aufsichtsräten bis 2020? Brauchen wir eine solche Vorgabe?

Schilling: Es gibt inzwischen eine ganze Reihe guter Frauen in Aufsichtsräten, aber leider noch nicht genug. Die Frage ist doch: Will man den Aufsichtsrat weiterhin als professionelles Leistungsgremium oder soll er zukünftig vor allem den gesellschaftlichen Proporz repräsentieren? An dieser Entscheidung kommt man nicht vorbei, auch wenn sich viele Protagonisten in Talkshows daran vorbeimogeln wollen. Ich bin, das wird Sie an dieser Stelle nicht mehr verwundern, für die erste Variante. Und wer unbeirrt für Quoten plädiert, der muss mir mal erklären, warum es eine Quote nur für Frauen und nicht für andere gesellschaftlich relevante Bevölkerungsgruppen geben soll.

mm: Ein Argument der Quotenbefürworter ist: Wenn die Vielfalt in einem Aufsichtsrat größer wird, steigt auch dessen Leistung.

Schilling: Das stimmt so eindimensional nicht. Die Effektivität eines Aufsichtsrates wird durch die richtige Mischung aus Homogenität und Heterogenität bestimmt. Ein völlig homogener Aufsichtsrat kann sehr effizient arbeiten, läuft aber Gefahr, Veränderungen des gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Umfeldes zu spät wahrzunehmen. Ein völlig heterogenes Gremium hat hierfür vielleicht mehr Sensibilität, kann aber für den Vorstand kein adäquater Aufseher und Sparringspartner sein.

Sie brauchen ein fachkompetentes, relativ homogenes Gremium, das durch einzelne heterogene Elemente ergänzt und bereichert wird. Diese notwendige Heterogenität zeigt sich dabei in einer Vielzahl von Kriterien, die keineswegs nur durch das Geschlecht definiert sind. Vielfalt um jeden Preis führt zu schwachen Aufsichtsgremien und zu Entwicklungen wie in den USA, wo teilweise gezielt nach Board-Mitgliedern gesucht wird, die möglichst viele Diversity-Kriterien auf sich vereinen.

mm: Frauen in Aufsichtsräten beleben die Diskussion, gehen völlig anders an Fragestellungen heran und fördern so die Effizienz der Arbeit.

Schilling: Das ist richtig, Frauen sind dann eine große Bereicherung für eine reine Männerrunde, wenn Sie über die entsprechende Erfahrung und Fachkompetenz verfügen. Dafür gibt es eine ganze Reihe sehr überzeugender Beispiele. Das Kriterium Frau alleine reicht aber nicht. In unseren Board Reviews äußern sich die Aufsichtsräte ziemlich vernichtend über Mitglieder, die in das Gremium qua Quote oder unausgesprochener Selbstverpflichtung gekommen sind.

Wer die Voraussetzungen nicht erfüllt, sieht meist selbst nach kurzer Zeit ein, keinen vernünftigen Beitrag leisten zu können. Alle geschäftlichen und strategischen Fragen gehen völlig an solchen Mitgliedern vorbei. Was bleibt, ist eine Ausweichreaktion: Man greift sich einen Randaspekt, ein politisches Thema wie zum Beispiel Frauenrechte in der Dritten Welt und meldet sich nur dazu zu Wort. Die anderen schweigen höflich, schauen insgeheim zur Decke und hoffen dann nur, dass der Beitrag möglichst kurz ausfällt.

Die Argumentationskette pro Quote ist ja: Wenn wir erst genügend Frauen in den Räten haben, dann sorgen die dafür, dass auch mehr Frauen in die Vorstände kommen. Das bezweifle ich. In einem Aufsichtsrat wird auf diejenigen gehört, die sich kompetent und glaubwürdig zu den relevanten Themen äußern. Wer versucht, da eine persönliche Agenda durchzusetzen, disqualifiziert sich und verliert an Einfluss.

mm: Herr Schilling, die Corporate-Governance-Kommission der Bundesregierung steckt derzeit - wieder einmal - in einer Sinnkrise. Brauchen wir das Selbstverpflichtungsorgan der börsennotierten Unternehmen noch?

Schilling: Ich halte es für sehr viel besser, wenn wir es haben und sehe auch keine bessere Alternative. Leider grätscht die Politik immer wieder mit harten Gesetzen hinein und lässt die Kommission wie einen Papiertiger erscheinen. Zuletzt war es wohl Unionsfraktionschef Volker Kauder, der die Cooling-off-Periode wie ein Kaninchen aus dem Zylinder zog. Die Kommission wurde zur Selbstregulierung geschaffen, dann muss sich die Politik aber auch disziplinieren und eine Selbstregulierung zulassen Das heißt nicht, dass sie ewig abwarten muss. Wenn die Kommission nach ein paar Jahren drängende Probleme nicht selbst gelöst hat, kann der Gesetzgeber immer noch handeln.

mm: Eine naive Vorstellung. Das Vorführen von bestens verdienenden Managern befriedigt populistische Interessen. Damit hat man immer die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.

Schilling: Klar, das gilt besonders in Zeiten von Bundestagswahlkämpfen. An den Managern können sich Politiker prima abarbeiten. Nur schadet es häufig der Sache, wie zum Beispiel bei der Cooling-off-Periode. Bei Effizienzprüfungen zeigt sich regelmäßig, dass die ehemaligen Vorstände meist das beste Geschäftsverständnis im Aufsichtsrat haben und deshalb Vorstandspräsentationen am fundiertesten und kritischsten beurteilen können. Die dürfen jetzt erst nach zwei Jahren in den Aufsichtsrat. Damit hat man der Corporate Governance keinen Dienst erwiesen. Ich bin auf das Mea culpa der Politik gespannt, wenn ein Unternehmen in Schieflage geraten sollte, weil fachfremde Aufsichtsräte Risiken zu spät erkannt haben.

mm: Bezeichnend für die Misere der Kommission ist auch, dass bislang keiner den Job des scheidenden Vorsitzenden Klaus-Peter Müller, im Hauptberuf Aufsichtsratschef der Commerzbank, übernehmen will.

Schilling: Ich kann angesichts des Verhaltens der Politik gut nachvollziehen, dass sich prominente Manager nicht nach dem Job drängen; die Tätigkeit ist ja nicht vergnügungssteuerpflichtig. Trotzdem würde ich mir sehr wünschen, dass sich eine starke Persönlichkeit noch dazu bereit erklärt. Die Themen sind zu komplex und zu wichtig, um sie einer häufig kurzfristig reagierenden Politik zu überlassen. Sonst können sie auch gleich in Talkshows darüber abstimmen lassen, was Aufsichtsräte künftig noch tun dürfen.

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