Donnerstag, 29. September 2016

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Fracking Amerikas Schiefergas-Boom droht jähes Ende

Gas aus der Tiefe: Angst und Hype in den USA
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REUTERS

Trotz des Fracking-Booms: Die viel beschworene Renaissance der US-Industrie durch niedrige Energiepreise lässt auf sich warten. Zudem drohen Quellen vorzeitig zu versiegen. Im schlimmsten Fall könnte die Gas-Gier ähnliche Folgen haben wie 2008 der Immobilienhype.

Houston - Kaum sechs Monate ist es her, da hat die Internationale Energieagentur die USA wegen der rasant wachsenden Förderung von Öl und Gas aus Schieferstein zum neuen Saudi Arabien ausgerufen. Vor allem US-Medien feierten die größte Umwälzung seit Bestehen der OPEC.

Der rosarote Ausblick für die von China attackierte Supermacht sah so aus: Größter Energieproduzent bis zum Jahr 2020 sowie der Aufstieg zum Nettoexporteur bis im kommenden Jahrzehnt. In der Tat: Die USA deckten im vergangenen Jahr bereits 83 Prozent ihres Energiehungers selbst. Die Ölimporte sanken um 11 Prozent. Und Barack Obama jubelte: "Wir haben Erdgasvorräte für 100 Jahre."

Inzwischen wird in den USA allerdings der Chor der Mahner lauter. Sie warnen, dass viel von dem Gas, das in den Schätzungen genannt wird, zu gängigen Marktpreisen nicht mit Gewinn zu Tage gefördert werden kann. Mehr noch: Sie sagen vorher, dass enorme Erschöpfungsraten bei den Bohrquellen den Traum von der importunabhängigen Supermacht USA schon in etwas mehr als einem Jahrzehnt platzen lassen könnten. Besonders brisant dabei ist, dass Banken vielfach Papiere auf Basis erwarteter Gasgewinne geschnürt haben, die schwer zu realisieren sein dürften.

Dissonanzen im Fracking-Jubelorchester

Wie ist diese Wende möglich? Selbst renommierte Energieexperten wie Daniel Yergin von Cambridge Energy Research hatten bei Anhörungen im Kongress in das Fracking-Jubel-Orchester eingestimmt: "Die USA sind mitten in einem unkonventionellen Öl- und Gas-Boom, der sich bis über die Energie selbst hinaus erstreckt." Gemeint waren Millionen von Arbeitsplätzen, zusätzlicher privater Konsum dank fallender Benzinrechnungen sowie ins Land zurück kehrende Industrie, die energieintensiv produziert.

Sogar der für seine konträren Positionen bekannte Societe Generale-Stratege Dylan Grice ist mit Blick auf das Schiefergas euphorisch: Er hält die unkonventionell geförderte Energie, für deren Gewinnung mit Wasser und Chemikalien unter hohem Druck Schieferstein aufgebrochen wird, für "so revolutionär wie das Internet."

Tatsächlich hat der Anteil der Schiefergas-Förderung aus dem Fracking in den USA binnen zehn Jahren von 2 Prozent auf 37 Prozent der gesamten Erdgasförderung zugenommen. Die USA haben ihre Öl- und Gasförderung allein seit 2008 so stark gesteigert, dass die zusätzliche Förderung der Produktion des siebtgrößten OPEC-Landes Nigeria entspricht.

Doch während von China über Polen bis nach Frankreich und Großbritannien ein Sprung auf das Trittbrett des Schiefer-Booms vorbereitet - oder zumindest erwogen - wird, klingt die Euphorie in den USA derzeit merklich ab.

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