Donnerstag, 21. September 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Risiken bei Crowdinvestments Die dunkle Seite der Macht der Masse

Crowd-Portale im Vergleich: Wo Stolpersteine für Start-ups lauern
Fotos
REUTERS

3. Teil: 144 Klagerisiken waren zuviel

Zwar hatte das Startup Audiogent - ein Produzent interaktiver Hörbücher - schon nach 13 Tagen mehr als 50.000 Euro eingeworben. Zustande kam die Finanzierung dennoch nie. Der Grund: Kurz vor dem Abschluss der Auktion gab das Startup seinen Crowd-Investoren bekannt, dass zwei Geschäftsführer das Unternehmen kurzfristig verlassen würden.

Beim Schwarmfinanzierer Innovestment, so Insider, schrillten indes die Alarmglocken. Anwälte wurden zu Rate gezogen und ein Abbruch der Auktion erwogen. Zumal Audiogent-Haupteigner Cornelius Huber die wahren Gründe für den Abgang seiner zwei Co-Geschäftsführer verschwiegen hatte. Seine ehemaligen Kollegen hatten das Unternehmen verlassen, als sie bei einem Investorengespräch in kleiner Runde erfahren hatten, dass nicht Audiogent sondern Huber die Rechte an der Software des Unternehmens hielt.

Die Innovestment-Betreiber, auf eine solche Situation nicht vorbereitet, hatten indes Glück im Unglück. Denn der Vorfall ereignete sich noch vor Ende der Auktion. In einer als "dringend" betitelten Mail wiesen die Plattformbetreiber daher die Bieter "auf Ihr reguläres Widerrufsrecht" hin, "das Sie detailliert in der Bestätigungs-E-Mail Ihres Gebotes nachlesen können." Der Rest war dann Formsache. Es nahmen so viele Investoren ihr Gebot zurück, dass die Auktion scheiterte.

Eine Lösung für solche Probleme gibt es kaum. Um Risiken zu vermeiden, teilt ein Innovestment-Sprecher mit, sei es das Ziel der Plattform, "Investoren eine bewusste Entscheidung unter Einbeziehung der relevanten Informationen" zu ermöglichen. Auch andere Portale verweisen im Prinzip auf das Risiko der Investoren oder vage Mediationsklauseln, die eine Aussprache zwischen Investoren und Startup vorsehen.

Letzte Chance: Pooling

Stolpersteine wie jene, die gleich das erste Innovestment-Funding zu Fall brachten, gibt es beim Crowdinvesting indes zahlreiche. Erfahren musste dies unter anderen das Startup Smarchive. Das Unternehmen hat inzwischen mehr als zwanzig Mitarbeiter und arbeitet daran, Verträge, Rechnungen und andere Dokumente von Privatpersonen nach deren Digitalisierung semantisch durchsuchbar zu machen, sie so automatisch zu sortieren und beispielsweise auf Kündigungsfristen und ähnliches hinzuweisen.

Im Dezember 2011 sammelten die Smarchive-Gründer über Deutschlands größtes Crowdinvesting-Portal, die in Dresden ansässige Plattform Seedmatch, zunächst 100.000 Euro ein. Vier Wochen später begannen die Gründer dann, bei mehreren potenziellen Venture-Capital-Gebern vorzusprechen. Drei Monate später unterschrieben sie schließlich bei der Telekomtochter T-Ventures. Dann begannen allerdings die Probleme.

"Die Zahl 144 hat sich bei mir eingebrannt", sagt Steffen Reitz, Mitgründer und CEO von Smarchive. Denn der Deal mit der Telekom stand über Monate unter dem Vorbehalt, dass jeder der 144 Smarchive-Investoren, die über Seedmatch stille Beteiligungen an dem Startup erworben hatten, entweder einem Rückkauf mit Premienaufschlag oder einer Wandlung der stillen Beteiligung in eine Pooling-Gesellschaft zustimmten. Zu schwammig schienen T-Venture die Rechtsansprüche und Klagerisiken der Schwarminvestoren.

"Hätten da fünf oder zehn gesagt, das machen wir nicht, wäre es das gewesen", sagt Reitz. Für die Gründer sei es eine harte Zeit gewesen. Der Wandel so vieler Verträge, der offene Ausgang, das Wissen, dass ein Scheitern auch das Ende des Startups bedeuten würde. Dass es am Ende gut ging, verdanken Reitz und sein Team auch der juristischen Unterstützung der Telekom. "Crowdfunding ist trotzdem, gerade in der Frühphase, eine Riesenchance", sagt er. "Allerdings müssen Startups die Verträge eben behutsam durchlesen."

Nachrichtenticker

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH