Montag, 19. November 2018

Alternde Belegschaft Warnung vor der 110-Milliarden-Euro-Lawine

Bis zu 48 Urlaubstage: Weniger Arbeit gegen weniger Geld bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein
Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein
Bis zu 48 Urlaubstage: Weniger Arbeit gegen weniger Geld bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein

3. Teil: Urlaubsgeld gegen freie Tage, Bezahlte Entlastungstage

Geißler: Wir haben für einen weltweit bekannten, deutschen Automobilzulieferer eine Altersstrukturanalyse erstellt. Dabei begreifen wir unseren Job so, dass wir im Sinne eines fairen Generationen-Managements uns die Schwächen und Stärken aller Mitarbeiter und deren Zusammenarbeit anschauen. An bestimmten Montagebändern stießen wir auf ein sehr geringes Durchschnittsalter der Kollegen. Unsere Vermutung, dass man an diesen Bändern wegen der Arbeitsbedingungen nicht alt werden kann, bestätigte sich. Auf unseren Vorschlag hat das Management die Arbeitsabläufe, Taktzahl und einiges mehr geändert, so dass dann auch ältere Mitarbeiter in diesem Bereich tätig sein konnten.

mm: Was ist Voraussetzung dafür, dass Firmen die steigende Zahl älterer Mitarbeiter besser integrieren?

Geißler: Erste und wichtigste Bedingung ist die Schulung der operativen Führungskräfte in den Betrieben. Sie müssen den Prozess des Alterns verstehen und begreifen, was es für ältere Mitarbeiter bedeuten kann, in einem konkreten Arbeitsprozess zu stehen. So kann es durchaus diskriminierend sein, Ältere genauso mit Überstunden zu belasten oder in Nachtdienste einzuteilen wie jüngere Kollegen. Für Ältere dauern die Erholungsphasen nachweislich länger. Mitalternde Arbeitsverträge würden diesen individuellen Unterschieden besser Rechnung tragen.

mm: Mitalternde Verträge? Was verbinden Sie damit?

Geißler: Ältere in Betrieben sollten das Recht haben, Nein zu sagen, zu bestimmten Tätigkeiten, die sie überproportional belasten können. Dazu muss ein Unternehmen seine Produktions- und Arbeitsabläufe aber zunächst genau analysieren und die alterskritischen Tätigkeiten überhaupt feststellen. Das Management kann die betroffenen Mitarbeiter dann alternativ stärker mit planenden, organisierenden und weniger belastenden Aufgaben betrauen. Es geht darum, die Handlungsspielräume für ältere Kollegen im Betrieb zu erweitern, ohne das dies auf Kosten der jüngeren Mitarbeiter gehen darf. Das und vieles mehr lässt sich regeln. Zum Beispiel in einem Tarifvertrag, der sich dem demografischen Wandel und der Generationengerechtigkeit verpflichtet fühlt.

mm: Ein Tarifvertrag für mehr Generationengerechtigkeit? Das klingt jetzt etwas bedeutungsschwanger.

Geißler: Es gibt sie durchaus. Die Verkehrsbetriebe Hamburg Holstein haben so einen Haustarifvertrag abgeschlossen, der auf arbeits- und medizinwissenschaftlichen Erkenntnissen fußt. Die zentrale Botschaft dieses Vertrags lautet: Ältere müssen systematisch entlastet werden. So stehen den über 55-Jährigen etwa vier voll bezahlte Entlastungstage zu und im steigenden Alter sogar bis zu zehn solcher Tage. Darüber hinaus ist es möglich, Urlaubsgeld in Urlaubstage zurückzutauschen. Ein 64-Jähriger hätte damit 48 Urlaubstage und eine deutliche Arbeitsentlastung. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt vieler Regelungen, mit denen das Unternehmen versucht, ältere Kollegen länger im Job zu halten und zugleich Generationengerechtigkeit im Betrieb herzustellen.

mm: Bezahlte Entlastungstage, mehr Urlaubstage - das ist juristisch wasserdicht?

Geißler: Das ist es, weil die Regelungen eben nicht nur am Alter, sondern auch am Gesundheitszustand der Mitarbeiter festgemacht sind.

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