Freitag, 28. Juli 2017

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Zypern USA profitieren von Europas Sündenfall

Wall Street: Die USA sind hoch verschuldet, der Budgetstreit ist ungelöst - dennoch gilt das Land als "sicherer Hafen" im Vergleich zum Euro-Raum

US-Volkswirte sehen das Krisenmanagement der EU im Fall Zypern kritisch. Das Geld privater Sparer anzutasten, gilt ihnen als Sündenfall. Die Wall Street könnte Gewinner der neu entflammten Euro-Krise sein: Nun dürfte mehr Geld in den Dollar-Raum strömen.

Der Zwergstaat Zypern wird zum großen Thema. Die Insel mit nicht einmal einer Million Einwohnern erwirtschaftet ein Bruttoinlandsprodukt von rund 19 Milliarden Euro, die Wirtschaftskraft Hamburgs ist dreimal so hoch. Dennoch reicht die Diskussion um die Spareinlagen zyprischer Sparer bis in die USA: Radio-Legende Don Imus griff das Thema Zypern gestern in seiner landesweiten Frühsendung auf und ließ durchblicken, dass die Verunsicherung von Kleinsparern und Bankkunden auch Amerika bewegt.

"Sollte die Regierung Ihre Einlagen besteuern können?", lautete das Thema der Sendung. Und FOX-Business-Kommentatorin Gerri Willis warf sogleich die Frage auf, ob auch in den USA eine Teil-Enteignung von Bankeinlagen vorstellbar sei.

"Unsere Politiker unterscheiden sich von denen in Europa kaum", wetterte der zu Ausbrüchen neigende CNBC-Reporter Rick Santelli, der einst mit einem Kommentar im Fernsehen die Tea Party ins Leben rief. Santelli sieht trotz der zunächst abgeschmetterten Zwangsabgabe "die Herrschaft des Gesetzes verletzt."

Weit reichende Folgen nach dem Abgaben-Schocker sieht der ehemalige Investmentbanker Douglas Elliott, der inzwischen an der Brookings Institution in Washington forscht. Er stellt den EU-Krisenmanagern ein schlechtes Zeugnis aus: "Die haben in der Eurozone die Sicherheit von Bankeinlagen in Zweifel gezogen, selbst für das von der Einlagensicherung gedeckte Geld, anstatt die politisch schwierigeren, aber sichereren Entscheidungen zu treffen."

"Sollte aus europäischen Banken in der nächsten Zeit verstärkt Geld abgezogen werden", fürchtet auch der frühere Oppenheimer-Analyst und Blogger Henry Blodget, "würde das die europäischen Volkswirtschaften zurückwerfen und den Handelspartnern schaden".

Pimco-Anleiheprofis sprechen von politischen Fehlern

Der CEO des weltweit größten Anleihefonds Pimco, Mohamed El-Erian, sieht in dem Debakel um das Zypern-Hilfspaket einen Beweis dafür, "dass kurzfristig angelegte, faule Kompromisse die notwendigen strategischen Entscheidungen nicht ersetzen können."

El-Erians Statement ist aber nicht nur eine Kritik am europäischen Krisenmanagement. Es ist auch eine direkte Anspielung auf den Deal zwischen Barack Obama und dem Kongress zu Jahresbeginn. Das Sparpaket vom 2. Januar sollte die USA vor dem Sturz über die Haushalts-Klippe bewahren, hat aber eine Serie von weiteren "Kliff"-Verhandlungen ausgelöst. Laut El-Erian werden nun auch die Finanzminister der EU vor schwierigen Entscheidungen und einer komplexen Situation stehen, die sie durch ihre Forderung nach einer Beteiligung der Sparer selbst hervorgerufen haben. Pimco hat sein Engagement an den europäischen Kapitalmärkten inzwischen reduziert.

Der geschäftsführende Direktor des Investment-Komitees bei Pimco, Saumil Parikh, ergänzte: "Wir haben unser Volumen in der europäischen Gemeinschaftswährung herunter gefahren, weil dort nicht nur ein politischer Fehler gemacht wurde, sondern weil auch klar wurde, dass der Euro alles andere als eine perfekte Reservewährung ist." Der Finanzprofessor Steve Keen äußerte auf CNBC gar eine düstere Vorahnung: "Wenn man auf das Geld der Russen zielt, und sich mit Vladimir Putin anlegt, kann man ihn provozieren, die Erdgas-Lieferungen nach Deutschland zu stoppen."

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