Freitag, 29. Mai 2015

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Gas, Tourismus, Start-Ups Ein neues Geschäftsmodell für Zypern

Egal wie die Rettungsaktion für den maroden Zwergstaat am östlichen Ende Europas ausgeht - die Insel der Aphrodite muss ihre Wirtschaft grundlegend umbauen. Die sechs wichtigsten Schritte zur Modernisierung der Inselökonomie.

Hamburg - "Das ist die perfekte Krise", konstatiert Stavros A. Zenios. Dann zählt der Wirtschaftsprofessor von der Universität Nikosia auf: Die Unternehmen sind mit 155 Prozent des zyprischen Sozialprodukts verschuldet, die privaten Haushalte mit 133 Prozent. Und wenn das Land keine Hilfe von Europa erhalten würde, wäre es binnen kürzester Zeit pleite. Das ist die Lage. Trist und tragisch.

Seine Nachmittagspause im Gloria Jeans Café im Nobelstadtteil Strovolos der zyprischen Hauptstadt lässt sich der Wissenschaftler, der während des Wahlkampfes im Februar als Kandidat für den Posten des Finanzministers des winzigen Staates gehandelt wurde, dennoch nicht verderben - auch wenn um ihn herum aufgeregte Zyprioten lautstark über die Grausamkeiten des EU-Rettungsplans für ihr Land diskutieren.

Für den Finanzexperten ist die aktuelle Misere keine Überraschung. Schon seit Jahren ist ihm klar, dass Zypern nicht mehr so weiter wirtschaften kann wie bisher. Und fast genauso lange versucht er seinen Landsleuten zu erklären, dass die weitgehend auf Banken und niedrige Gewinnsteuern gebaute Ökonomie des nicht einmal eine Millionen Einwohner zählenden Ländchens radikal umgebaut werden muss.

Zuletzt hat der weltläufige Forscher - er lehrt auch am Wharton Financial Institutions Center an der University of Pennsylvania - die Reformagenda für ein neues, ein kreativeres Zypern in einem 400 Seiten dicken Buch beschrieben. Eine Strukturreform müsse her, meint Zenios, weil die Wettbewerbsfähigkeit der zyprischen Wirtschaft seit der Einführung des Euro 2008 extrem gesunken ist.

Tourismus bringt viel zu wenig Geld

Die Liste der Defizite ist lang: Der einst florierende Tourismus auf dem sonnenverwöhnten Eiland trägt längst nicht mehr so viel zur Wirtschaftsleistung bei wie zu Zeiten des britischen Massentourismus.

Dann der Bankensektor: nicht nur enorm aufgebläht, sondern auch heillos altmodisch. Der Staat beherrscht zu viele Wirtschaftszweige und arbeitet höchst ineffizient, die öffentliche Bürokratie beschäftigt zu viele zu hoch bezahlte Mitarbeiter.

Nach der erschütternden Lektüre von Zenios' Analyse wundert sich der geneigte Leser, wie die Insel, auf der nach der Mythologie Aphrodite den Fluten entstiegen sein soll, überhaupt so lange florieren konnte. Immerhin galt die kleine Nation nach dem Schock der türkischen Invasion und der darauf folgenden Teilung der Insel 1974 jahrzehntelang als mediterranes Wirtschaftswunderland. Die Bevölkerung ist hochqualifiziert und weltoffen. In keinem europäischen Staat besitzen mehr Bürger einen Hochschulabschluss. Viele haben in Großbritannien oder den USA studiert. Jeder dritte Zypriot ist mit einem Ausländer verheiratet.

Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen für einen volkswirtschaftlichen Turnaround. Nach Zenios' Blaupause kann die Neuausrichtung in sechs großen Schritten gelingen.

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