Mittelstandmanager magazin RSS  - Mittelstand

Alle Artikel und Hintergründe


13.03.2013
Twitter GooglePlus Facebook

Anlagebetrüger
Gier frisst Hirn

Von Mark Böschen

Corbis

3. Teil: "Deutschlands schlimmster Betrüger"

Durch diese Überrumplungstaktik gelingt es häufig, die Opfer entscheidend zu verwirren. Ein verurteilter Anlagebetrüger sagte aus, seine Verkaufsansprache betäube die Opfer wie eine Wolke aus Äther: "Mein Ziel ist es, ihnen rasch so viel wie möglich zu verkaufen, bevor die Betäubung nachlässt." Wegen dieser Manipulation geben Opfer später oft zu Protokoll, dass sie sich nicht mehr erklären können, wie sie damals auf den Betrug hereinfallen konnten.

Der am häufigsten benutzte Psychotrick ist die Suggestion des Reichtums, der durch das Investment erreichbar sein soll. Der BCI-Verkäufer Hans L. behauptete etwa, 30 bis 35 Prozent Rendite pro Jahr seien "heutzutage absolut Peanuts".

Ulrich Engler (51) versprach den Kunden sogar 72 Prozent Rendite pro Jahr - durch Day-Trading, also Wertpapiergeschäfte, die innerhalb eines Tages abgeschlossen sind. Das ist die Domäne der Investmentbanken und Hedgefonds, doch selbst die schaffen nicht annähernd solche Traumrenditen.

"Deutschlands schlimmster Betrüger" ("Bild"-Zeitung) soll eine halbe Milliarde Euro von Anlegern eingesammelt haben, schätzen US-Wirtschaftsprüfer. Im Juli wurde der Schwabe nach fünfjähriger Flucht in Las Vegas verhaftet und einen Monat später in die Heimat ausgeliefert. Seitdem sitzt er in der Mannheimer Justizvollzugsanstalt. Er hat gestanden. Der Prozess läuft seit Mitte Januar.

Zu den 5000 Geprellten gehört Sibylle Lahnstein (47). Die Zahnmedizinerin aus Stuttgart investierte 300.000 Euro bei Englers Unternehmen Private Commercial Office. Engler gab sich als ehemaliger Chefhändler einer US-Großbank aus. Tatsächlich bestanden seine Qualifikationen in einem Hauptschulabschluss und einer abgebrochenen Ausbildung als Bürokaufmann.

Wie konnte die Medizinerin, die einen "Prof. Dr." als Titel führt, auf Engler hereinfallen? "Es ist ohne Weiteres möglich, mit Day-Trading 100 Prozent Rendite zu schaffen", antwortet sie. Englers fiktiver Lebenslauf vom Tellerwäscher zum Trader-Millionär schien das zu beweisen.

Ein extremes Beispiel für das Vorspielen von Reichtum erlebte ein Chefarzt aus Berlin, der auf Einladung des Unternehmens Dubai Oil Industries nach Wien flog und dort mit einem Rolls-Royce vom Flughafen ins Hotel "Imperial" gefahren wurde. Der Mediziner überwies rund eine Million Euro, mit denen die Firma in Dubai nach Öl bohren sollte, und erhielt dafür Genussscheine. Leider stellten sich diese als wertlos heraus, die Initiatoren sind verschwunden.

Die vermeintlichen Ölexperten hatten gleich eine Reihe von Manipulationsmethoden angewandt. Sie bemühten sich, einen seriösen Kontext für die Scheinfirma zu schaffen: Das Veranstaltungshotel befindet sich in einem Palais, das 1863 als Privatresidenz des Fürsten von Württemberg gebaut wurde. Dort trat ein älterer Herr auf, der als hochrangiger Vertreter der Opec vorgestellt wurde.

Durch die luxuriöse Bewirtung erzeugten die Gauner zudem beim Kunden das Gefühl, den Gastgebern etwas schuldig zu sein. Vor allem aber erfüllten erfolgreiche Hochstapler das psychologische Grundbedürfnis nach Wertschätzung, sagt Martin Klaffke, Professor an der Hamburg School of Business Administration. "Jeder Mensch sehnt sich danach, respektiert und geachtet zu werden. Die Anleger fühlen sich auf eine Weise hofiert, wie sie es von Banken und Sparkassen nicht kennen", so der Ökonom, der an einem EU-weiten Forschungsprojekt zum Anlagebetrug mitgearbeitet hat.

Zur Startseite
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • deli.cio.us
  • Pinterest

© manager magazin online 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH



Das Opferprofil

  • Sachkundig
    Als US-Forscher im Auftrag der US-Handelsaufsicht rund 300 Interviews mit Betrugsopfern und einer Vergleichsgruppe untersuchten, staunten sie besonders über ein Ergebnis: Opfer von Anlagebetrug wussten mehr über Finanzthemen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das liegt vermutlich daran, dass Betrüger gezielt Besserverdiener ansprechen, die meist auch eine bessere Ausbildung haben und sich intensiver mit der Geldanlage beschäftigen. Der Befund zeigt aber auch: Finanzwissen allein schützt nicht vor den Psychotricks der Hochstapler.
  • Optimistisch
    Die Betrugsopfer zeigten sich in der Studie optimistischer im Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung als die Vergleichsgruppe. Die Psychologen vermuten, dass Optimisten eher zu Wunschdenken neigen, was Betrüger durch manipulative Gesprächstechniken zu nutzen wissen.
  • Unglücklich
    Wer finanziell unter Druck steht, ist eher bereit, auf das Versprechen schneller Gewinne und Erfolge einzugehen. Die Betrugsopfer hatten doppelt so häufig vor Kurzem ihren Job verloren wie die anderen Befragten. 42 Prozent der Geprellten hatten Probleme bei der Finanzierung ihrer Immobilie, bei der Vergleichsgruppe waren es nur 28 Prozent.
  • Zugänglich
    Wer eher bereit ist, einer Verkaufsansprache zuzuhören, wird verwundbar. Opfer sind auch offener für kostenlose Investmentseminare oder überhaupt für das Gespräch über Finanzthemen, wie die Studie eindrucksvoll zeigt. Wer auch mal abweisend ist, lebt sicherer.

Das neue manager magazin

Heft 11/2014
König Joe I.
Wie Joe Kaeser sich Siemens untertan macht - Psychogramm eines Alleinherrschers









Service
manager-magazin-AbonnementAbo-Service
Ihr persönliches DepotDepot
Twitter-FeedsTwitter-Feeds
manager magazin mobilmm mobil
Partnerangebote
Seminarmarkt: Tanken Sie Karrierewissen Seminarmarkt:
Tanken Sie Karrierewissen
GehaltsCheck: Verdienen Sie genug? GehaltsCheck:
Verdienen Sie genug?