Samstag, 23. Mai 2015

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Anlagebetrüger Gier frisst Hirn

3. Teil: "Deutschlands schlimmster Betrüger"

Durch diese Überrumplungstaktik gelingt es häufig, die Opfer entscheidend zu verwirren. Ein verurteilter Anlagebetrüger sagte aus, seine Verkaufsansprache betäube die Opfer wie eine Wolke aus Äther: "Mein Ziel ist es, ihnen rasch so viel wie möglich zu verkaufen, bevor die Betäubung nachlässt." Wegen dieser Manipulation geben Opfer später oft zu Protokoll, dass sie sich nicht mehr erklären können, wie sie damals auf den Betrug hereinfallen konnten.

Der am häufigsten benutzte Psychotrick ist die Suggestion des Reichtums, der durch das Investment erreichbar sein soll. Der BCI-Verkäufer Hans L. behauptete etwa, 30 bis 35 Prozent Rendite pro Jahr seien "heutzutage absolut Peanuts".

Ulrich Engler (51) versprach den Kunden sogar 72 Prozent Rendite pro Jahr - durch Day-Trading, also Wertpapiergeschäfte, die innerhalb eines Tages abgeschlossen sind. Das ist die Domäne der Investmentbanken und Hedgefonds, doch selbst die schaffen nicht annähernd solche Traumrenditen.

"Deutschlands schlimmster Betrüger" ("Bild"-Zeitung) soll eine halbe Milliarde Euro von Anlegern eingesammelt haben, schätzen US-Wirtschaftsprüfer. Im Juli wurde der Schwabe nach fünfjähriger Flucht in Las Vegas verhaftet und einen Monat später in die Heimat ausgeliefert. Seitdem sitzt er in der Mannheimer Justizvollzugsanstalt. Er hat gestanden. Der Prozess läuft seit Mitte Januar.

Zu den 5000 Geprellten gehört Sibylle Lahnstein (47). Die Zahnmedizinerin aus Stuttgart investierte 300.000 Euro bei Englers Unternehmen Private Commercial Office. Engler gab sich als ehemaliger Chefhändler einer US-Großbank aus. Tatsächlich bestanden seine Qualifikationen in einem Hauptschulabschluss und einer abgebrochenen Ausbildung als Bürokaufmann.

Wie konnte die Medizinerin, die einen "Prof. Dr." als Titel führt, auf Engler hereinfallen? "Es ist ohne Weiteres möglich, mit Day-Trading 100 Prozent Rendite zu schaffen", antwortet sie. Englers fiktiver Lebenslauf vom Tellerwäscher zum Trader-Millionär schien das zu beweisen.

Ein extremes Beispiel für das Vorspielen von Reichtum erlebte ein Chefarzt aus Berlin, der auf Einladung des Unternehmens Dubai Oil Industries nach Wien flog und dort mit einem Rolls-Royce vom Flughafen ins Hotel "Imperial" gefahren wurde. Der Mediziner überwies rund eine Million Euro, mit denen die Firma in Dubai nach Öl bohren sollte, und erhielt dafür Genussscheine. Leider stellten sich diese als wertlos heraus, die Initiatoren sind verschwunden.

Die vermeintlichen Ölexperten hatten gleich eine Reihe von Manipulationsmethoden angewandt. Sie bemühten sich, einen seriösen Kontext für die Scheinfirma zu schaffen: Das Veranstaltungshotel befindet sich in einem Palais, das 1863 als Privatresidenz des Fürsten von Württemberg gebaut wurde. Dort trat ein älterer Herr auf, der als hochrangiger Vertreter der Opec vorgestellt wurde.

Durch die luxuriöse Bewirtung erzeugten die Gauner zudem beim Kunden das Gefühl, den Gastgebern etwas schuldig zu sein. Vor allem aber erfüllten erfolgreiche Hochstapler das psychologische Grundbedürfnis nach Wertschätzung, sagt Martin Klaffke, Professor an der Hamburg School of Business Administration. "Jeder Mensch sehnt sich danach, respektiert und geachtet zu werden. Die Anleger fühlen sich auf eine Weise hofiert, wie sie es von Banken und Sparkassen nicht kennen", so der Ökonom, der an einem EU-weiten Forschungsprojekt zum Anlagebetrug mitgearbeitet hat.

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