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11. Dezember 2012, 11:30 Uhr

Fachkräftemangel

Personaler versagen im Kampf um die besten Köpfe

Von Martin Hintze

Ingenieure und Programmierer sind in deutschen Unternehmen verzweifelt gesucht. Was tun die Personalabteilungen? Viel zu wenig, wie eine Kienbaum-Studie zeigt. Allzu häufig vertrauen Personaler auf das alte Rezept: Stellenanzeige schalten - und beten.

Hamburg - Der Fachkräftemangel ist weit mehr als nur ein nebulöses Schreckgespenst. Viele Unternehmen im deutschsprachigen Raum klagen über gravierende Probleme, offene Stellen adäquat zu besetzen. Gleichzeitig tun sie jedoch viel zu wenig, um die Situation zu verbessern. Das zeigt die Studie "HR Strategie & Organisation 2012/13" der Unternehmensberatung Kienbaum, die manager magazin online exklusiv vorliegt.

Besonders betroffen: Die Automobilindustrie, eine der wichtigsten Stützpfeiler der Wirtschaft hierzulande. So gaben 82 Prozent der befragten Autobauer an, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von passenden Ingenieuren zu haben. Noch gravierender ist der Fachkräftemangel nur im Bereich Ingenieurswesen, Technik und High-tech. Dort hat er inzwischen beinahe alle Unternehmen (95 Prozent) erreicht.

Auch die Sektoren Transport- und Logistik (75 Prozent), Versorger (62 Prozent) sowie Maschinen- und Anlagenbauer (59 Prozent) finden demnach keine Ingenieure. "Was jahrelang als Bedrohung galt, ist operativ in nahezu allen Unternehmen angekommen, unabhängig von Größe und Branche", sagt Thomas Faltin, Direktor für Personalstrategie und -organisation bei Kienbaum. Für die Untersuchung wurden 240 größtenteils international agierende Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt.

Der akute Mangel habe gravierende Folgen, warnen Unternehmen und Wirtschaftsverbände unisono. Im vergangenen Jahr hat die deutsche Wirtschaft einen Wertschöpfungsverlust von acht Milliarden Euro erlitten, weil monatlich 92.000 offene Ingenieursstellen nicht besetzt wurden. Das haben der Ingenieursverband VDI und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) errechnet. Wie groß der Mangel wirklich ist, ist jedoch umstritten.

Qualität der Bewerbungen sinkt

Ebenfalls händeringend gesucht werden IT-Fachkräfte. Laut der Kienbaum-Studie fehlen sie besonders in Verlagen, wo sie dringend für die Programmierung digitaler Angebote gebraucht werden. Vier von fünf Medienhäuser finden keine passenden Mitarbeiter. In den Branchen Telekommunikation, Handel und Logistik ist mehr als jedes zweite Unternehmen betroffen. Bei Banken und Versicherungen sowie in der Chemie- und Pharmaindustrie jedes dritte.

Konkret bemängeln die Arbeitgeber, dass sie zu wenige und zu schlechte Bewerbungen auf Stellenausschreibungen erhalten. Branchenübergreifend bekommen lediglich 16 Prozent der Unternehmen so viele Mappen auf den Tisch, dass sie optimal zwischen den geeigneten Anwärtern auswählen können. Mehr als ein Drittel der Befragten klagt zudem über eine Verschlechterung der Qualität der Bewerbungen. Im Gesundheits- und Sozialwesen sind es sogar drei Viertel.

Trotz der erheblichen Schwierigkeiten, mit denen sich die Unternehmen konfrontiert sehen, greifen nur wenige zu sinnvollen Gegenmaßnahmen, so die Studie. Die große Mehrheit bleibt passiv und setzt weiterhin auf die Variante, Stellenanzeige auf der eigenen Website oder auf Jobbörsen zu schalten und dann abzuwarten. "Diese passiven Kanäle haben jedoch stark an Wirkung verloren", sagt Kienbaum-Experte Faltin.

Online-Netzwerke werden kaum genutzt

Business-Netzwerke wie Xing oder Linkedin tauchen auf dem Radar der Personalabteilungen bislang nicht auf. Einzige Ausnahme: die IT- und Telekommunikationsbranche. Sie nutzt die Netzwerke aus dem naheliegenden Grund, dass sich IT-Profis besonders häufig dort tummeln.

Bei privaten sozialen Netzwerken wie Facebook oder Google+ sieht es kaum besser aus. Lediglich ein Drittel der Firmen werben dort um neue Mitarbeiter. Nur bei Logistikunternehmen sind es etwa doppelt so viel. Immerhin planen rund 30 Prozent, soziale Netzwerke zukünftig für die Rekrutierung einzusetzen.

Bei den sozialen Netzwerken und den eigenen Karriere-Portalen geht es den Unternehmen vor allem um eines: sich für die potenziellen Mitarbeiter herauszuputzen. Sie zeigen die Karrieremöglichkeiten, loben das Arbeitsklima oder heben die Sozialleistungen hervor. "Entscheidend ist, dass die Versprechen auch eingehalten werden", sagt Faltin. Einen Etikettenschwindel sollten Unternehmen vermeiden, sonst könnten sich die Bemühungen schnell als Bärendienst erweisen, warnt der Personalstrategie-Fachmann.

"Pool an Talenten vorhalten"

Vier von fünf Unternehmen sind der Meinung, dass eine überdurchschnittliche Arbeitgeberattraktivität in Zukunft ausschlaggebend für den Erfolg sein wird. Der Erfolg des "Employer-Brandings" hält sich offenbar noch in Grenzen. Nur 41 Prozent der Firmen glauben, für Bewerber attraktiv zu wirken.

Große Lücken klaffen auch bei der Kompetenz der Personaler. In puncto Karriere- und Nachfolgemanagement sowie der strategischen Nachfolgeplanung und dem Controlling sehen die Berater von Kienbaum Schwächen.

Der Sektor Handel schneidet hier noch am besten ab, das Gesundheits- und Sozialwesen am schlechtesten. "Die Personalabteilungen müssen sich viel früher Gedanken machen, welche Positionen für das Unternehmen kritisch sind und einen Pool an Talenten vorhalten", rät Faltin. Für viele Unternehmen dürfte das bedeuten: Die Personalstrategie muss völlig neu ausgerichtet werden.


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