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16. November 2012, 11:59 Uhr

Gescheiterte Expansion

Russlands bittere Lektionen für Remondis

Aus Dzerschinsk berichtet Maxim Kireev

Es schien perfekt zu passen: Russland ist auf Investoren angewiesen, um sein Müllproblem in den Griff zu bekommen. Das deutsche Unternehmen Remondis kennt sich mit Müll aus - und wollte auf dem russischen Markt rasant loslegen. Jetzt aber müssen die Westfalen um ihr Russland-Geschäft bangen.

Dzerschinsk/Russland - Es war ein mutiger, wenn nicht gar waghalsiger Schritt, als Remondis 2008 auf den russischen Entsorgungsmarkt drängte. Kaum eine Branche in diesem Land steht im Ruf noch korrupter und chaotischer zu sein, als die Müllwirtschaft. Mülltrennung ist den meisten Russen ein Fremdwort, genauso wie Flaschenpfand. Umso ambitionierter klangen die Pläne des größten Müllentsorgers Deutschlands: Das Unternehmen wollte den Russen das Müllsortieren beibringen, mit neuen Containern und modernen LKW. Später sollten Sortieranlagen und Recyclingwerke dazukommen. "Wir wollten die ersten sein, die den riesigen Markt erobern", sagt Elena Molodkina, die die Projekte der Westfalen in Russland leitet.

Doch nach vier Jahren ist in der Remondis-Zentrale in Lünen Ernüchterung eingekehrt. Das Geschäft in Russland sei extrem schwierig, heißt es dort. Von den fünf Projekten, die Remondis gestartet hat, mussten sie eins bereits schließen, ein zweites steht seit wenigen Tagen vor dem Aus. Der internationale Konzern, der weltweit Milliarden umsetzt, kämpft mit veralteten Gesetzen und der regionalen Konkurrenz.

Dabei könnte das Land ein echtes Eldorado für ausländische Entsorgungsunternehmen sein. Der steigende Wohlstand der Russen lässt das Müllaufkommen rapide steigen - um ein Drittel in den letzten zehn Jahren. Experten der International Financial Corporation (IFC) prognostizieren weitere 50 Prozent Wachstum bis 2025. Damit dürfte jeder Russe in einigen Jahren genauso viel Müll produzieren wie ein Westeuropäer, etwas mehr als 500 Kilogramm im Jahr. Gleichzeitig ist die heimische Müllwirtschaft heillos überfordert. Es gibt kein einziges überregionales Unternehmen für Entsorgung oder Wiederverwertung. Fast 95 Prozent der Abfälle landen unsortiert auf der Müllhalde, wo Gastarbeiter aus Zentralasien das Wertvollste mit bloßen Händen herausfischen.

Um sein Müllproblem einigermaßen in den Griff zu bekommen, müsste Russland laut IFC-Studie 35 bis 40 Milliarden Euro in den kommenden Jahren investieren. Den möglichen Gewinn auf dem Wertstoffhandel beziffern die Experten auf zwei Milliarden Euro. Geld von dem auch Unternehmen wie Remondis theoretisch profitieren könnten.

Kein Anreiz Müll zu trennen

Die Realität sieht jedoch anders aus. Dzerschinsk sollte 2009 zur Vorzeigestadt von Remondis werden. In der grauen Industriestadt mit 200.000 Einwohnern, vier Autostunden östlich von Moskau, startete das erste Pilotprojekt der Deutschen. Sie stellten hunderte bunte Container auf, für verschiedene Sorten Müll, importierten neue Fahrzeuge, verteilten Infomaterial. Doch das Projekt lief holprig. Weil die Tarife für alle Müllsorten gleich sein müssen, gab es keinen Anreiz für Einwohner, den Müll zu trennen. Zudem lief der Verkauf von Wertstoffen nur schleppend. Von vier verschiedenen Containern pro Haus, stieg Remondis schließlich auf zwei um, die Pläne für die weitere Müllverarbeitung wurden auf Eis gelegt.

Vergangene Woche kam dann der Schock, als die örtlichen Wohngesellschaften den Vertrag mit Remondis kündigten. Ein schwelender Streit darüber, ob Remondis auch für den Sperrmüll, der sich auf den Containerplätzen sammelte, zuständig ist, eskalierte. Die neue Ausschreibung entschieden zwei Tochterunternehmen der beiden größten Wohngesellschaften in Dzerschinsk für sich. Keine Chance für Remondis. Am 8. November übernehmen die neuen Firmen.

Ähnliches erlebten die Westfalen bereits im Sommer in der Stadt Klinzy an der weißrussischen Grenze. Dort mussten die Deutschen bereits nach einigen Monaten gehen. "An Remondis hat es sicherlich nicht gelegen", erklärt Elena Bujnewitsch, Cheredakteurin der Lokalzeitung von Klinzy. "Die haben ihre Arbeit ordentlich gemacht". Vielmehr dürfte dies den Appetit örtlicher Geschäftsleute geweckt haben. Bujnewitsch fand heraus, dass der Chef des neue privaten Müllunternehmens ein Freund des Bürgermeisters von Klinzy und Abgeordneter des Stadtparlaments ist .

"Die haben sich angeschaut wie wir das machen und führen es nun in Eigenregie weiter", vermutet auch Molodkina. Einen Schutz davor gebe es kaum, denn die Verträge sind jederzeit kündbar, anders als in Deutschland wo Unternehmen oft für Jahrzehnte beauftragt werden. Auch die Methoden im Konkurrenzkampf sind rauer. In Dzerschinsk etwa, haben Unbekannte anfangs hunderte der neuen Remondis-Tonnen systematisch abgefackelt. In Brjansk verweigerte der Betreiber der einzigen Deponie der Stadt Remondis-Fahrzeugen einfach die Zufahrt. Erst ein Gericht verpflichtete ihn schließlich auch den Internationalen Konzern auf die Müllhalde zu lassen.

Kalte Aussperrung für Remondis

"Die ersten Jahre waren vor allem Lehrjahre für uns", gibt Molodkina zu."Jeden Tag kommt eine neue Lektion auf uns zu". Erschwert werde die Situation durch zu niedrige Müllgebühren, die von den Kommunen gesetzt werden. Für einen Haushalt sind das mitunter weniger als ein Euro im Monat. Remondis geht es wie vielen russischen Unternehmen, die in der Branche tätig sind. Allenfalls die Entsorgung von Müll bringt Gewinn, während die weitere Verarbeitung vor allem Kosten verursacht. Währen zum Beispiel ein Deponiebetreiber im Moskauer Umland vom Abfuhrunternehmer nur umgerechnet zehn Euro für eine Tonne Abfälle verlangt, kostet allein das Sortieren einer Tonne Müll mehr als 30 Euro. Der Verkauf der Wertstoffe deckt kaum die Kosten im rohstoffreichen Russland.

"Deponiebetreiber verdienen unter diesen Umständen am meisten Geld am Müll, weil sie vielerorts Monopolisten sind", erklärt Anton Lipatow, von der Beratung Cleandex. Einige Abfuhrunternehmer kippten ihre Ladung oft einfach in den nächsten Wald, um die Deponiegebühr zu sparen. Die Umweltschutz-Behörde schätzt, dass es im ganzen Land rund 20.000 wilde Müllhalden gibt. Von den 7000 genehmigten entsprechen gerade ein Mal 1500 den geltenden Vorschriften. "Oft lassen Deponiebetreiber auch Sondermüll illegal auf ihren Halden entsorgen, in diesem Fall verdienen sowohl die Besitzer der Halde als auch das Abfuhrunternehmen, weil hier die Müllgebühren für Verursacher groß sind", kritisiert Lipatow.

"Der Staat kümmert sich überhaupt nicht um das Thema Recycling", sagt Alexej Kiseljow Müllexperte bei Greenpeace Russia. "Wir sind wahrscheinlich das einzige Land der Welt, dessen Umweltministerium Recycling offiziell für sinnlos hält", ätzt Kiseljow und spielt auf den russischen Umweltminister an, der kürzlich erklärte, Müllverarbeitung sei in Russland ein "ziemlich sinnloses Unterfangen". Ohne staatliche Hilfe, werde die Recycling-Branche jedoch nicht auf die Beine kommen. Allein schon weil es keine Gesetze gibt, die Unternehmen verpflichten würden, sich finanziell am Recycling ihrer Produkte zu beteiligen, oder kein Verbot den Müll unsortiert auf die Halben zu kippen.

Elena Molodkina ist sich dagegen sicher, dass sich die Lage früher oder später bessert und auch die Gesetze angepasst werden. "Unser Engagement in Russland ist bisher vor allem eine Investition in die Zukunft", sagt sie. Bis dahin dürfte es noch ein weiter Weg sein. Bisher jedenfalls, hat sich kein anderer ausländischer Konzern der Branche nach Russland getraut.


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