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16. November 2012, 07:14 Uhr

Norden hui, Süden pfui

Schuldenlast spaltet Europas Fußballclubs

Von Martin Hintze

Der FC Bayern hat neue Umsatzrekorde gemeldet - und steht damit beispielhaft für die Bundesliga. Vielen Vereinen hierzulande geht es prächtig. Über spanischen und italienischen Clubs kreist dagegen der Pleitegeier. Verschieben sich in der milliardenschweren Branche die Kräfteverhältnisse?

Hamburg - Langweilig ist es auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München nie. Legendär ist ein Auftritt von Uli Hoeneß aus dem Jahr 2007. Fans hatten mit Sprüchen wie "mit Sektglas in der Hand gibt es keine La Ola" oder "in der Tiefgarage ist mehr los" die maue Stimmung im Stadion thematisiert. Mit hochrotem Kopf polterte der Bayern-Boss auf seine Art zurück: "Das ist doch populistische Scheiße."

Am gestrigen Donnerstagabend dürfte Hoeneß' Blutdruck bei seinem Auftritt im Audi-Dom am Grasweg normal geblieben sein. Startrekord in der Bundesliga, Gala-Auftritt in der Champions League - sportlich läuft es rund für die Bayern. Und auch wirtschaftlich ist der "FC Krösus" bärenstark. "Der FC Bayern steht da wie eine Eins", stellte Hoeneß im Vorfeld klar. Vorstandsschef Karl-Heinz Rummenigge nennt seinen Verein "pumperlgesund". Kein Wunder, die FC Bayern AG erlöste in der vergangenen Spielzeit insgesamt 332,2 Millionen Euro - so viel wie noch nie. Unter dem Strich fuhr der FCB nach Abzug aller Steuern einen Gewinn von 11,1 Millionen Euro ein. Bemerkenswert hoch ist auch das Eigenkapital von 278,3 Millionen Euro, was einer Quote von 77,5 Prozent entspricht.

Jetzt wird zudem über den Einstieg eines neuen strategischen Partners spekuliert. Auf dem "Zeit"-Wirtschaftsforum in Hamburg deutete Hoeneß an, dass neben Adidas und Audi "noch jemand in gleicher Größenordnung hinzukommt". "Dann hätten wir die Allianz-Arena sofort abbezahlt". Gerüchten zufolge investiert der Versicherungskonzern Allianz rund 100 Millionen Euro in Deutschlands größten Sportverein.

Heile Welt also in München. Wirtschaftlich gesund sind auch andere Bundesligisten. Am Dienstag präsentierte Borussia Dortmund Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2012/13. Von Anfang Juli bis Ende September kletterte der Umsatz um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Konzernüberschuss brach indes von 4,2 Millionen auf 2,6 Millionen Euro ein, unter anderem wegen des Kaufs von Marco Reus. "Den Ergebnisrückgang sollte man nicht überinterpretieren", sagt Klaus Kraenzle, Analyst bei Silvia Quandt Research. Die Zahlen seien im Rahmen der Erwartungen.

BVB: Phoenix aus der Asche

Im Jahr 2005 stand die Borussia vor dem Bankrott, heute ist der Ruhrpott-Verein zweifacher Meister und spielt in der europäischen Königsklasse. "Dortmund schafft den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und sportlichem Erfolg", sagt Kraenzle. In drei Jahren könnte der BVB schuldenfrei sein.

Der deutsche Profifußball strotzt nur so vor Kraft, in Europa wird er nur noch von der englischen Liga übertroffen. "Die Mehrheit der Vereine in der Bundesliga steht betriebswirtschaftlich sehr solide da", sagt Stefanie Vogel von der Sport Business Gruppe des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte. Rund 57 Prozent der Clubs in der 1. und 2. Bundesliga machen Gewinne, nur jeder fünfte Verein schreibt noch rote Zahlen, zeigt eine Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Die Vereine investieren mehr in die Nachwuchsförderung und die Tilgung der Schulden, bei den Transferausgaben sind sie vorsichtiger.

Auch die Infrastruktur ist in einem Top-Zustand. Nachdem zur Weltmeisterschaft 2006 die großen Clubs ihre Stadien modernisierten, ziehen die kleineren Vereine jetzt nach. Von der 1. bis zur 3. Liga plant jeder zweite laut Ernst & Young Baumaßnahmen.

Die Rechnung geht in den meisten Fällen auf, die Fans spielen mit. "Das Produkt Bundesliga wird extrem gut angenommen", sagt Thomas Fuggenthaler, Sportexperte bei Ernst & Young. "Die Auslastung der Stadien ist am Maximum, die Einnahmen aus dem Merchandising steigen." Besonders der sogenannte Hospitality-Bereich lässt die Kassen klingeln. In der Bundesliga sind Logen und Business-Seats weitgehend ausgebucht, vielen bleibt nur ein Platz auf der Warteliste.

Pleitegeier über Spaniens Fußballclubs

Ab der kommenden Saison bekommen die Clubs zusätzlich Rückenwind vom neuen TV-Vertrag. Statt 412 Millionen Euro pro Spielzeit erlösen sie mit den Senderechten künftig 628 Millionen Euro - ein Plus von stolzen 52 Prozent. Bis 2017 sind es insgesamt 2,5 Milliarden Euro - ein "Quantensprung" so Ligapräsident Reinhard Rauball.

Im Vergleich zu anderen europäischen Vereinen sind die Einnahmen deutscher Clubs aus den Senderechten Peanuts. Der FC Barcelona erzielte in der vergangenen Saison rund 183 Millionen Euro, die Bayern kamen nur auf 30,9 Millionen Euro. Der Grund: In der spanischen Primera División vermarkten die Vereine die Senderechte in Eigenregie, ein Ausnahmefall in Europa. Die beiden Platzhirsche FC Barcelona und Real Madrid bekommen so die Hälfte vom Kuchen. Die anderen spanischen Vereine laufen dagegen regelmäßig Sturm, bislang ohne Erfolg.

Nicht nur finanziell haben Barça und die Königlichen aus der Hauptstadt den Rest der spanischen Mannschaften meilenweit abgehängt, auch sportlich geht ein Riss durch die Liga. In den vergangenen Jahren machten die beiden Spitzenclubs die Meisterschaft stets unter sich aus. Die kleineren Vereine müssen sich mit den hinteren Plätzen begnügen.

Schuldenberg lastet auf der Primera División

Schlimmer noch: Im Versuch, den Abstand zu den beiden dominierenden Clubs zu verringern, haben sie sich stark verschuldet. Ein Schuldenberg von insgesamt 3,5 Milliarden Euro - etwa das Sechsfache der 1. Bundesliga - lastet allein auf den Vereinen der Primera División, hat der Ökonom José María Gay de Liébana von der Universität Barcelona berechnet. Die Verbindlichkeiten aller spanischen Profimannschaften werden auf 5 Milliarden Euro geschätzt.

Viele Vereine sind in der Krise. Jüngstes Beispiel: Seit Anfang November ringt Deportivo La Coruna um das Überleben, nachdem das spanische Finanzamt alle Einnahmen des Erstligisten pfändete. Insgesamt mussten sich bereits mehr als ein Dutzend Proficlubs für zahlungsunfähig erklären.

Dass der spanische Fußball noch nicht kollabiert ist, liegt an der Hilfe des Staates. Sport, Politik und Wirtschaft sind eng miteinander verflochten. So haben die Vereine bei den Finanzämtern Steuerschulden von 750 Millionen Euro. "Der Staat fordert nun die Steuerschulden ein, die Vereine haben jedoch kaum finanzielle Reserven", sagt Deloitte-Expertin Vogel. Nicht selten sind auch die Sparkassen für die Vereine in die Bresche gesprungen, die nun ihrerseits durch Steuermilliarden gestützt werden mussten. Zugleich müssen die Bürger drastische Einsparungen hinnehmen, die Arbeitslosigkeit grassiert. Faire Lastenverteilung sieht anders aus.

Misere in Italien

Kaum besser ist die Situation in Italien. Auch die Vereine in der Serie A profitierten unter Regierungschef Silvio Berlusconi jahrelang von Steuervorteilen. Sein Nachfolger Mario Monti will diese "staatlich subventionierten Bilanzfälschung" angesichts der Wirtschaftsmisere beenden. Sogar mit einer Aussetzung des Spielbetriebs drohte der Premierminister bereits.

Zudem wurde die Liga von Manipulationsskandalen erschüttert. Das Ergebnis: "Die Serie A kämpft seit langem mit rückläufigen Zuschauerzahlen", sagt Deloitte-Expertin Vogel. Viele Stadien verfallen. Vergeblich bewarb sich Italien für die Europameisterschaft 2016. Nur 13 Prozent der Erlöse werden durch die Spieltage erzielt. "In Deutschland und England liegt der Schnitt bei rund 23 Prozent", sagt Vogel.

Die Abschaffung der Steuervorteile und die marode Infrastruktur in Südeuropa werden mittelfristig eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse gen Norden bewirken. "In Italien und Spanien waren die großen Clubs zuletzt deutlich weniger spendierfreudig", sagt Ernst & Young-Experte Fuggenthaler. Trotzdem werden sich die Spitzenvereine auch wirtschaftlich noch an der Spitze halten können. "Der Umsatz von Barcelona und Madrid liegt deutlich höher als bei Bayern München", sagt Fuggenthaler.

Uefa will durchgreifen

Auch die Europäischen Fußball-Union (Uefa) nimmt das Problem der Überschuldung ernst. "Der Fußball ist in großer Gefahr", warnte Uefa-Präsident Michel Platini in einem Interview. "Vereine werden pleitegehen." Um das zu verhindern, führt die Uefa das sogenannte Financial Fair Play ein. Damit schreibt die Uefa den Vereinen schrittweise ausgeglichene Bilanzen vor. "Auch Geldspritzen durch ausländische Investoren sollen so verhindert werden", sagt Fuggenthaler. Greift der mächtige Verband - der fast eine Milliarde Euro an Prämien allein für die Champions League ausschüttet - durch, wird ein "Alleinflug an der Spitze erschwert", ist Marktbeobachter Fuggenthaler überzeugt.

Eine Studie der Universität Mainz kommt zu einem anderen Urteil. Die Vereine hätten einen großen Anreiz, die Regularien zu umgehen. Die spieltheoretische Analyse ergab, dass bei den großen Clubs der Anreiz für "Finanz-Doping" sogar noch erhöht wird. Die Kluft zwischen Armen und Reichen werde nicht kleiner, sondern größer.


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