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27.09.2012
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Krisenfolgen
"Globalisierung plus x"

Von Christoph Neßhöver

Philosoph Julian Nida-Rümelin: "Wir müssen die erreichte Globalisierung ergänzen durch ein globales Ethos für die ökonomische Praxis"
DPA

Philosoph Julian Nida-Rümelin: "Wir müssen die erreichte Globalisierung ergänzen durch ein globales Ethos für die ökonomische Praxis"

Fünf Jahre Dauerkrise hinterlassen tiefe Spuren in den westlichen Gesellschaften. Philosoph Julian Nida-Rümelin über die Folgen des andauernden ökonomischen Ausnahmezustandes.

mm: Warum trifft die Dauerkrise seit 2008 unsere westlichen Gesellschaften so ins Mark?

Julian Nida-Rümelin: Diese Krise ist vergleichbar mit den Auswirkungen der zweiten, großen Weltwirtschaftskrise ab 1929. Damals wie heute werden Gewissheiten erschüttert.

mm: Welche sind das?

Julian Nida-Rümelin: Es galt in den letzten drei Jahrzehnten die vermeintliche Gewissheit, dass es letztlich allen zu Gute kommt, wenn sich der Staat zurückhält und wir die Märkte gewähren lassen. Und die Gewissheit, dass alle von der Globalisierung profitieren. Dieser Glaube ist schwer erschüttert.

mm: Geht unsere Sinnkrise nicht noch viel tiefer als die vor 80 Jahren?

Julian Nida-Rümelin: Ja. Unser Krisengefühl wird noch dadurch verstärkt, dass es - anders als in den Jahren nach 1929 - kein überzeugendes Alternativangebot mehr gibt. Damals spielte diese Rolle der Keynesianismus, der ab Mitte der 1930er-Jahre in der Wissenschaft diskutiert wurde und dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg über einige Jahrzehnte sehr erfolgreich war

mm: Wir kommen uns also vor, als stünden wir vor dem "Ende der Geschichte"?

Julian Nida-Rümelin: Heute herrscht eine große Ratlosigkeit. Wir fragen uns, wie wir der Instabilität von Märkten politisch begegnen können. Aber vulgär-keynesianische Antworten wie "Staatsschulden erhöhen" haben ja zur aktuellen Ausprägung der Krise wesentlich beigetragen.

mm: Sehen Sie Anzeichen für ein gesellschaftliches Umdenken?

Julian Nida-Rümelin: Wir stellen uns wieder öfter die Frage, welche Rolle ökonomische Interessen für unseren Lebensinhalt spielen, für unser Selbstverständnis. Und ich habe den Eindruck, dass sich hier die Prioritäten verschieben. Auch viele Topmanager, mit denen ich spreche, sind nachdenklicher geworden. Und das finde ich sehr erfreulich.

mm: Die Diskussion über Moral in der Wirtschaft wird also ernsthafter.

Julian Nida-Rümelin: Ethische Fragen wirken nun unmittelbar hinein in die Ökonomie, etwa bei Konsumentenentscheidungen. Da wird das Image eines Unternehmens entscheidend: Eine Firma kann sich ruinieren, wenn sie moralisch unglaubwürdig wird.

mm: Das gilt aber auch im Verhältnis der Mitarbeiter zum Unternehmen.

Julian Nida-Rümelin: Ja, wenn etwa diejenigen in einem Unternehmen, die ihre Konkurrenten besonders rücksichtslos bekämpfen, durch schnelle Karrieren belohnt werden, ist das ein fatales Signal für die Vertrauenskultur. Der Erfolg des Einzelnen führt dann zu einem Misserfolg des Ganzen.

mm: In Ihren Augen stecken Teile unserer Ökonomie in einer "Optimierungsfalle".

Julian Nida-Rümelin: Das Gros unserer ökonomischen Praxis - Brötchen kaufen beim Bäcker, zum Beispiel - ist völlig intakt. Das fußt auf ethischen Bedingungen wie einer wahrhaftigen Kommunikation. Wenn aber jeder immer nur sein Handeln optimiert und nicht auch überlegt, was richtig ist und was falsch, dann bricht diese Kommunikation zusammen.

mm: Wo ist das geschehen und warum?

Julian Nida-Rümelin: Die Weltfinanzmärkte sind dafür ein Beispiel. Dass dort etwa das Face-to-face-Prinzip nicht mehr gilt, weil Software vieles übernimmt, und so die persönliche Verantwortung minimiert wird, ist sicher kein Zufall. Löst sich die Optimierung von allen Regeln, wird sie ins Extreme getrieben, entsteht zwangsläufig Instabilität.

mm: Immer mehr Verbraucher setzen auf Tausch statt Besitz und lokale statt globale Produkte. Sind das möglicherweise Ansätze für eine Transformation unserer Ökonomie?

Julian Nida-Rümelin: Das sind vor allem Indizien für das tiefe Unbehagen. Aber solche Praktiken sind nicht die große Alternative für das bestehende System. Ökonomische Prozesse sind nicht örtlich begrenzbar. Aus der Globalisierung aussteigen, wie das nach 1929 geschah, das ist heute weder machbar noch wünschenswert.

mm: Sie wünschen sich also eine "Globalisierung plus X"?

Julian Nida-Rümelin: Ja, wir müssen die erreichte Globalisierung ergänzen durch ein globales Ethos für die ökonomische Praxis. Zugleich sollten wir globale Institutionen schaffen, die etwa sicherstellen, dass es auf den Weltfinanzmärkten ordentlich zugeht. Und was global nicht geregelt werden kann, sollte mindestens auf kontinentaler Ebene versucht werden. Deshalb sollten wir Europäer uns auch glücklich schätzen, dass wir die Europäische Union haben.

Lesen Sie auch: Wie Miele-Chef Reinhard Zinkann über die Dauerkrise denkt

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Mehr zum Thema in

Heft 10/2012

Management
Die Dauerkrise sorgt für Veränderungen. Lesen Sie mehr im Heft ab Seite 82.










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