Sonntag, 21. Oktober 2018

Tiefe Branchenkrise Deutschlands Seefahrt in höchster Not

Containerschiffe, Tanker, Bulker: Das ist die deutsche Handelsflotte
dpa

Rund ein Drittel der weltweiten Containerschiffsflotte wird von Deutschland aus dirigiert - noch. Experten fürchten eine Kaskade bitterer Pleiten, Fusionen aus purer Not und den Abstieg der deutschen Reedereien in die zweite Liga.

Hamburg - Die deutschen Reeder finden keinen Weg aus der Krise. 80 Prozent erwarten, dass etliche Reedereien das nächste Jahr nicht überstehen werden, ergab eine Umfrage unter mehr als 100 Reedereien im Auftrag der Beratungsfirma PwC. "Die meisten Reedereien wollen in den kommenden Jahren nicht in neue Schiffe investieren", sagte PwC-Experte Claus Brandt am Dienstag. Deutschland drohe der Abstieg aus dem Kreis der führenden Schifffahrtsnationen. Andere Nationen speziell aus dem asiatischen Raum könnten mit staatlicher Unterstützung in den Aufbau ihrer Handelsflotten investieren.

Die Schifffahrt leidet weltweit unter Überkapazitäten, mangelnder Auslastung und Preisdruck. Zwar erwarten die meisten Reeder in den kommenden Monaten steigende Fracht- und Charterraten, doch könnten damit nicht die aufgelaufenen Verluste ausgeglichen werden. "Besonders kleinere Reedereien mit weniger als 100 Millionen Euro Umsatz haben keine guten Perspektiven", sagte Brandt. Bei vielen Schiffen sei eine Insolvenz bislang nur aufgeschoben und durch Finanzierungsvereinbarungen mit den Banken vermieden worden. "Viele Reeder haben ihre finanziellen Reserven verbraucht und stehen unter großem Druck von Seiten der Kreditgeber."

Rund ein Drittel der weltweiten Containerschiffsflotte wird bislang von Deutschland aus dirigiert, wenn auch meistens nicht unter deutscher Flagge. Der maritime Sektor insgesamt - Schifffahrt, Häfen, Werften, Finanzierer, Zulieferer und Dienstleister - steht in Deutschland nach den Worten von Brandt für 380 000 bis 400 000 Beschäftigte und einen Umsatz von 85 bis 90 Milliarden Euro. Sollte die Handelsflotte schrumpfen, hätte das nach Einschätzung der Beratungsfirma unweigerlich Auswirkungen auf die gesamte maritime Wirtschaft in Deutschland und würde den Verlust von Arbeitsplätzen nach sich ziehen. "Schiffe und Beschäftigung würden ins Ausland gehen", sagte Brandt.

Einfache Wege aus der Krise sind nicht erkennbar, so lange sich die Märkte nicht erholen. Denkbar seien Förderinstrumente zugunsten der Schifffahrt wie verbilligte KfW-Kredite oder Bürgschaften, erklärte der PwC-Experte. Die Möglichkeiten der Reedereien, sich selbst zu helfen, sind offenkundig weitgehend ausgeschöpft.

Milliardensummen flossen in die maritime Wirtschaft

In den vergangenen Jahren haben die Reeder beim Kampf gegen die Krise in unterschiedlichem Maße ihre Finanzierungen überprüft und neue Kapitalquellen erschlossen, Investitionen zurückgestellt, Schiffe aufgelegt oder verkauft, Bauverträge storniert und Mitarbeiter entlassen. Doch sei die Dauer und Tiefe der Krise von den meisten unterschätzt worden. "Es zeigt sich durchgängig, dass unterm Strich sehr viel härter konsolidiert werden musste als ursprünglich angenommen", sagte Brandt.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den aktuellen Zustand einer Branche, die jahrelang großen Anteil am Aufstieg der deutschen Handelsschifffahrt an die Weltspitze hatte. Über geschlossene Fonds wie jenen von EEH flossen Milliardensummen in die maritime Wirtschaft. Reedereien, Banken, Fondsemittenten und nicht zuletzt auch Finanzvertriebe verdienten viel Geld daran. Und der Staat stand Pate, indem er den Anlegern zunächst üppige steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten einräumte und seit einigen Jahren die niedrige, pauschale Gewinnbesteuerung per Tonnagesteuer ermöglicht.

Die Bedeutung, die Schiffsfonds auf diese Weise für die deutsche Seewirtschaft erlangt haben, lässt sich auch an Zahlen ablesen: Insgesamt haben Investoren in den vergangenen Jahren mehr als 30 Milliarden Euro Eigenkapital in die meist als GmbH & Co. KG gestalteten Fondsgesellschaften gesteckt. Damit und mit zusätzlichen Bankkrediten wurden nach Berechnung des Branchenverbandes VGF rund 1800 Containerschiffe, Tanker und Massengutfrachter finanziert. Das sind etwa die Hälfte der gesamten deutschen Handelsflotte und mindestens 5 Prozent der weltweiten Flotte.

Bei den Containerschiffen, bei denen Deutschland mit fast 1800 Schiffen die größte Flotte weltweit stellt, ist die Bedeutung der Fonds sogar noch signifikanter. Gut 20 Prozent aller Containerfrachter weltweit fahren laut VGF nur, weil deutsche Privatanleger sie per "KG-Fonds" finanziert haben. Anderen Berechnungen zufolge sind es sogar mehr als 30 Prozent.

Die Zahlen lassen erahnen, welche Gefahr von der Entwicklung am Schiffsfinanzierungsmarkt zurzeit ausgeht: Den Reedern und Werften droht mit den geschlossenen Fonds eine wichtige Geldquelle auszutrocknen. Seit rund drei Jahren nun schon fristen die einst so populären Beteiligungsmodelle am Kapitalanlagemarkt ein Schattendasein. 2007, auf dem Höhepunkt des vergangenen Booms, zeichneten Anleger noch Schiffsfonds im Volumen von mehr als drei Milliarden Euro. Sie stemmten damit Finanzierungen von zusammen mehr als sieben Milliarden Euro.

Seitdem ging es abwärts. 2009 zeichneten Anleger lediglich Fondsanteile in Höhe von insgesamt 743 Millionen Euro, 2010 waren es 996 Millionen. Darin enthalten waren allerdings 285 Millionen Euro an Stützungsgeldern für bereits laufende, schiefliegende Fonds. Im vergangenen Jahr erreichte die Baisse schließlich einen neuen Tiefpunkt, mit einem Platzierungskapital - inklusive Sanierungsgeld - von 506 Millionen Euro.

kst/cr/dpa-afx

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