Freitag, 14. Dezember 2018

Uni-Studie Dax-Konzernchefs reden Kauderwelsch

Fresenius-Chef Schneider: Verständlichkeit hängt auch von der Branche ab

Kauderwelsch statt Klartext: Wenn die Dax-Konzernchefs vor ihren Aktionären eine Rede halten, geht das meist gründlich in die Hose. Das zeigt eine Studie der Uni Hohenheim. Demnach spricht nur ein einziger Konzernlenker wirklich verständlich.

Stuttgart - Venture-Capital-Tochtergesellschaft, Multi-Channel-Strategie oder diversifizierte Industriekonzepte: Wenn sich die Dax-Vorstandschefs vor den Aktionären rechtfertigen sollen, scheitert das meist am Handwerkszeug einer klaren Sprache. Die Mehrheit der Reden auf den Hauptversammlungen ist unverständlich und ermuntert geradezu zum Weghören, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Allerdings gibt es eine rühmliche Ausnahme: Telekom-Chef René Obermann könnte den Chefs der übrigen Dax-Konzerne im Fach Reden halten Nachhilfestunden geben. Kein Vorstandsvorsitzender bei den deutschen Börsenschwergewichten spricht so gut Klartext wie er - das geht zumindest aus einer Analyse der Uni Hohenheim hervor. Sie hat die Reden der Dax-Bosse vor ihren Aktionären während der im Frühjahr stattfindenden Hauptversammlungen untersucht.

Diese Reden gelten als einer der wichtigsten Termine im Kalender der Vorstandsvorsitzenden. Idealerweise sollten sie darin den Anteilseignern Rechenschaft ablegen über ihre Arbeit im abgelaufenen Jahr, neue strategische Weichenstellungen begründen und die künftigen Ziele erklären. Vergleichbar sind diese Reden zum Beispiel mit den Regierungserklärungen von Bundeskanzlern und Ministern.

Dieser großen Bedeutung werden die meisten Chefs der Untersuchung zufolge aber nicht gerecht, denn sie sprechen viel Kauderwelsch statt Klartext. Bei der sprachlichen Verständlichkeit ihrer Reden bekommen die Topmanager fast nur miese Noten: Auf einer Skala von 0 - das wäre in etwa so verständlich wie eine Doktorarbeit - bis 10 - das wäre so gut zu verstehen wie Radio-Nachrichten - erreichen die 30 Vorstände im Schnitt nur die Note 3,8. Obermann dagegen bekommt eine gute 7,2.

Branche entscheidet

Das Klassenziel völlig verfehlt hat der Chef des Gaseherstellers Linde Börsen-Chart zeigen, Wolfgang Reitzle: Er hat die Note 1,0 am fast untersten Ende der Skala. Dabei ist er Honorarprofessor in München - sollte also eigentlich ein Gespür dafür haben, wie Gesagtes beim Publikum am besten hängenbleibt. Reitzle müsste zusammen nachsitzen mit Ulf M. Schneider von Fresenius Börsen-Chart zeigen (1,1) und Olaf Koch von Metro Börsen-Chart zeigen (1,3). Pikant: Während man Schneider als Finanzfachmann sein Kauderwelsch vielleicht noch nachsehen kann, ist Koch unter anderem ausgerechnet für Kommunikation verantwortlich.

Am anderen Ende der Skala könnte dagegen zusammen mit Obermann am ehesten noch der Chef des Autobauers BMW Börsen-Chart zeigen, Norbert Reithofer (6,5), den Kollegen Nachhilfe erteilen. Zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass die Chefs ihre Reden in aller Regel nicht selber schreiben, sondern geschrieben bekommen und meist nur kleine eigene Korrekturen vornehmen. Auch eine andere Einschränkung gibt es: Die Studie untersucht nur formale Kriterien im Text. Weitere Aspekte wie Inhalt, Aufbau der Themen und der Vortragsstil mit Sprache, Mimik und Gestik bleiben außen vor.

Trotz aller Klarheit der Ergebnisse gibt der Initiator der Studie, Professor Frank Brettschneider, zu bedenken, dass auch die Branche entscheide. "Was auffällt, ist, dass die Automobilisten alle weit vorne liegen." Wenn die Zielgruppe das Endkundengeschäft sei - etwa Autos oder Telekommunikation - falle es leichter, Dinge sprachlich greifbar zu machen. Dennoch seien verständliche Reden immer möglich.

Entscheidend sei auch, wie gut sich die Redenschreiber gegen die Vorstellungen der Fachabteilungen und Juristen durchsetzen. "Man kann aber auch rechtssichere und fachlich korrekte Texte gut verständlich formulieren", sagte der Wissenschaftler. Und auch die Fachwelt wisse es aller Erfahrung nach zu schätzen, wenn jemand zur Abwechslung einmal Branchenkauderwelsch durch alltagstaugliche Begriffe ersetze.

Von Heiko Lossie, dpa

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