Samstag, 16. Februar 2019

Start-up-Pioniere Frauen in der Familienfalle

Stefanie Jarantowski aus Berlin hat im Januar ihr Veranstaltungsportal "Eventsofa" eröffnet. Vorher hat sie lange gezögert: "Mein Umfeld war ein großes Hindernis. Ich kenne auch kaum andere Frauen, die sich selbstständig gemacht haben."
Eva-Maria Simon
Stefanie Jarantowski aus Berlin hat im Januar ihr Veranstaltungsportal "Eventsofa" eröffnet. Vorher hat sie lange gezögert: "Mein Umfeld war ein großes Hindernis. Ich kenne auch kaum andere Frauen, die sich selbstständig gemacht haben."

Selbstständige können Job und Kinder besser verbinden als Angestellte. Für viele Frauen ist das ein Vorteil, aber auch ein Problem: Sie bauen ihr Unternehmen nur in Teilzeit auf und verdienen damit wenig Geld.

Hamburg - Am Anfang hatten alle nur Bedenken. Besonders die Frauen. Wenn Stefanie Jarantowski im Freundeskreis von ihrer Geschäftsidee erzählte, kamen verständnislose Blicke zurück. Kannst du davon leben? Schaffst du das? Diese Fragen hat sie sich auch selbst oft gestellt. Schon, als sie noch Kommunikations- und Politikwissenschaften studierte: "Mir fehlte einfach der Mut." So hat sie erst einmal bei einer PR-Agentur gearbeitet.

Jetzt ist Jarantowski 29 und hat es endlich gewagt: Anfang 2012 ist ihr Internetportal "Eventsofa" online gegangen. Geschäftssitz Berlin, Erreichbarkeit überall. Auf der Seite können Nutzer einen Ort suchen für Veranstaltungen von der Gartenparty bis zum Kongress. Sie können Bewertungen abgeben; besonders eifrige User werden zu "Location-Scouts" und testen die Orte. "Ich bin froh, dass ich mich jetzt getraut habe", sagt Stefanie Jarantowski. Doch wenn sie zu Messen geht oder zum Unternehmertreffen, begegnet sie selten anderen Frauen: "Das finde ich schade."

Im Jahr 2011 war nur ein Drittel aller Einzelunternehmer, die neu gegründet haben, weiblich, so das Institut für Mittelstandsforschung Bonn. Das liegt zum einen daran, dass Selbstständigkeit in typischen Männerberufen eher verbreitet ist als in Frauenberufen. Zum anderen trauen sich Frauen weniger zu. Das größte Hindernis aber ist für viele die Familie - egal, ob sie ein Technologieunternehmen mit mehreren Mitarbeitern aufbauen wollen oder einen Eine-Frau-Betrieb als Altenpflegerin oder Webdesignerin. Die Forschung hat zwar gezeigt, dass Selbstständige Kinder und Job besser miteinander vereinbaren können als Angestellte. Doch oft betreiben diese Frauen ihr Unternehmen nur nebenbei und verdienen entsprechend wenig.

Immerhin: Die Frauen holen auf. Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und der Universität Jena haben Selbstständigkeit in Deutschland zwischen 1991 und 2009 untersucht. Dazu haben sie den Mikrozensus ausgewertet, eine repräsentative Befragung von 820.000 Personen. Ein Ergebnis: Der Selbstständigenanteil unter den Frauen ist stetig gestiegen, von etwa fünf Prozent im Jahr 1991 auf mehr als sieben Prozent im Jahr 2009. Doch bei den Männern sind es 14 Prozent; Frauen hinken also immer noch hinterher.

Warum tun sie sich beim Gründen so schwer? Birgitt Wählisch berät seit vielen Jahren Existenzgründer. Und sieht die Unterschiede stets deutlich vor sich: "In Kursen für Gründerinnen kommt immer ganz schnell das Problem der Kinderbetreuung zur Sprache. Für Männer ist das fast nie ein Thema." Das bestätigt auch eine Untersuchung aus dem Jahr 2006, für die das Bundeswirtschaftsministerium mehrere Studien ausgewertet hat: Für 15 Prozent aller Frauen ist demnach fehlende Kinderbetreuung ein großes Hindernis. Und: "Nicht selten müssen junge Unternehmerinnen die Erfahrung machen, dass sich die Familie schnell vernachlässigt fühlt und rebelliert."

Wenn der Staat also Unternehmerinnen fördern will, muss er bei der Familienpolitik anfangen - so sieht es auch das Deutsche Gründerinnen-Forum. Der Verband verlangt Reformen beim Elterngeld: Selbstständige sollen es auch dann bekommen, wenn sie mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten - bislang ist das die Grenze, ab der es gestrichen wird. Das betreffe meistens Mütter: Sie müssen ihr Geschäft ruhen lassen und laufen Gefahr, später nicht mehr in den Markt zu kommen.

Dabei passen Familie und eigenes Unternehmen eigentlich perfekt zusammen. Darauf deutet jedenfalls eine Studie der Universität Mannheim aus dem vergangenen Jahr hin. Die Wissenschaftler haben Familien untersucht, in denen beide Partner Karriere machen. Das Ergebnis: Paare, von denen einer selbstständig ist, haben öfter Kinder als jene, die abhängig beschäftigt sind. Allerdings ist das besonders oft der Fall, wenn die Frau selbstständig ist. Offenbar kümmern sich also auch in diesen Familien eher die Mütter um die Kinder.

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