Donnerstag, 1. September 2016

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Heimkehr nach Indien Der Lichtbringer

Fotostrecke: Boond soll Licht aufs Land bringen
Fotos
Benjamin Füglister

Nicht in jedem Land freuen sich Menschen zu Weihnachten über Smartphone und Schmuck wie im Westen. In manchen Ländern wären sie schon mit Licht und sauberem Wasser zufrieden. Der indische Unternehmer Rustam Sengupta kennt beide Welten. Entschieden hat er sich für letztere.

Udaipur - Rustam Sengupta sitzt in Jeans, Hemd und Sonnenbrille im Kofferraum eines weißen Toyotas, den rechten Arm über die vibrierende Lehne des vollbesetzten Rücksitzes vor ihm gelehnt. Zwei Jahre ist es her, als sich der 31-jährige Inder entschied, nach Hause zurückzukehren.

Es war kurz vor Weihnachten. Und seine Eltern waren froh, ihren Jungen einmal wieder zu sehen. "Als ich nach Hause kam, dachten sie, ich würde für ein paar Wochen Urlaub machen", sagt Sengupta. Als dann aus wenigen Wochen mehrere Monate geworden seien, wären sie davon ausgegangen, er mache nur ein Sabbatical. Dann lächelt er. "Nach einem Jahr hat mein Vater gesagt: Junge, wir müssen reden!"

Denn der Weg des aus der großen Businesswelt heimgekehrten Sohns hätte nach Ansicht seiner Eltern eigentlich ein anderer sein sollen. Schon seinen Bruder hatten sie nach Amerika geschickt. An der Stanford University im Silicon Valley hatte dieser studiert. Heute ist er Manager bei Google Börsen-Chart zeigen. Und auch der Karriereweg von Rustam Sengupta glich einem Highway direkt ins Herz des amerikanischen Hightech-Kapitalismus.

Mit 21 Jahren hatte er im indischen Agra seinen Abschluss als Elektroingenieur gemacht. Danach folgte ein Studium an der University of California. Nach dem Abschluss begann er 2005 nahe Los Angeles seine Karriere als Unternehmensberater bei Deloitte. Seit 2008 erstellte er dann im Auftrag des Schweizer Düngemittelkonzern Syngenta Wettbewerbsanalysen für den brasilianischen Markt. Parallel machte er an der französischen Eliteuniversität Insead seinen MBA. 2009 landete er schließlich in Singapur, wo er Anleihegeschäfte für die britische Standard Chartered Bank einfädelte.

Das Hupen der Laster und Autos nimmt kein Ende. Ruckelnd schiebt sich der Geländewagen über die zweispurige Hauptstraße von Udaipur ins drei Stunden entfernte Sagwada, ein Ort im nordindischen Nirgendwo. Vor dem Wagen, hinter ihm und auf der Gegenspur reihen sich weiße und rostrote Lkws wie Elefanten aneinander, manche bemalt wie Zirkuswagen.

Als Banker wickelte Sengupta Anleihen für Luftfahrt- und Energiekonzerne mit Milliardenumsätzen ab. "Ich hatte alles", sagt er und blickt durch die Rückfensterscheibe auf die Stromleitungen, die an staubigen Masten aus Holz, Metall und Beton dem Straßenverlauf folgen.

Vom Big Business zum Micro Business

Dass er sich mit Ende zwanzig dafür entschied, einen neuen Weg zu gehen, lag letztlich auch daran. Er hatte alles. Und er hatte alles gesehen. Er kannte Indien, Amerika, Europa und Asien, hatte 29 Länder auf fünf Kontinenten bereist, in ihnen gelebt, Erfahrungen gesammelt. Er hatte gesehen, wie das Big Business der Reichen funktioniert. Und er hatte begriffen, warum das Micro Business der Armen in seiner Heimat so oft scheiterte.

"Wenn man Wohltätigkeit stiften will, dann kann man einen Lastwagen mieten und schöne Dinge an die Menschen auf dem Land verteilen", sagt der 31-Jährige. Große Firmen würden dies tun. Es gebe viele Konzerne, die etwas ankündigten, sagt er, dann aber passiere nichts. "Die Manager versprechen, in einer Region ein Elektrizitätsnetz aufzubauen." Doch wenn Sie fertig seien, gebe es keinen Strom.

Wenn Sengupta über Konzerne spricht, über Politiker und die indische Regierung, dann fallen oft Worte wie "crap" oder "bullshiters". Keine Worte, die einer Übersetzung bedürften.

"Wir", sagt er, "gehen da anders heran." Wir, damit meint er sein Unternehmen "Boond". Boond, das bedeutet auf Hindi "Wassertropfen".

Der Slogan, den sich der Unternehmer dazu ausgedacht hat, lautet: "Every drop makes a difference." Die Tropfen, die den Unterschied zu anderen wohltätigen Projekten ausmachen sollen, sind die Mikrounternehmer, die Boond auswählt, ausbildet und betreut, bis sie vom Verkauf ihrer Produkte leben können. Die Produkte, die sie an die Menschen in ihren Dörfern verkaufen, werden ebenfalls von Boond geliefert: zum Beispiel Solarlampen, Dynamos und Wasserfilter.

Auf der langen Fahrt ist es inzwischen fast dunkel geworden, als der Geländewagen langsamer wird. Der Fahrer blinkt. Dann biegt er rechts in eine schmale, einspurige Straße ab. Sie führt eine Hügelkette hinauf.

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