Montag, 25. Juli 2016

Compliance-Regeln "Wir schaffen nur die Illusion von Sicherheit"

Der Verhaltenskodex einiger Unternehmen engt den Mitarbeiter unnötig ein und demotiviert ihn

Reinhard K. Sprenger über die zunehmende Entmündigung von Mitarbeitern durch Compliance-Regeln.

mm: Herr Sprenger, aus Angst vor Gesetzesverstößen oder Imageschäden geben die Unternehmen ihrem Außendienst immer strengere Verhaltensregeln vor. Manche Verkäufer dürfen die Kunden nicht einmal mehr zum Essen einladen. Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Sprenger: Wenn wir den Menschen die Möglichkeit nehmen, eigenverantwortlich zu handeln, kommt das einer Entmündigung gleich, die demotivierend wirkt. Wer will, dass die Mitarbeiter gute Leistungen bringen, der darf sie nicht einengen, sondern muss ihnen möglichst große Freiräume schaffen. Wenn wir das Unternehmen von den Kunden her denken, und das sollten wir tun, dann müssen wir den dezentralen Einheiten viel mehr Vertrauen schenken.

mm: Die Haftungsrisiken sind in letzter Zeit deutlich gestiegen. Was bleibt den Unternehmen anderes übrig, als darauf mit einer härteren Compliance zu reagieren?

Sprenger: Die Unternehmen stellen diese Regeln auf, weil es eine sensibilisierte Öffentlichkeit von ihnen verlangt. Es wird dadurch aber nichts besser. In Wirklichkeit wird nur Transparenz vorgegaukelt. Nachhaltig ist lediglich die Verblödung des Publikums. Fakt ist: Jedes Unternehmen muss mit einer Grundlast von 10 Prozent krimineller Energie leben. Sonst wird es totalitär.

mm: Manager und Aufsichtsräte können vor Gericht landen, wenn sie einen Gesetzesverstoß dulden. Das kann sie ruinieren. Deshalb verfügt ja heute fast jeder Konzern über Compliance-Abteilungen, die auf die Einhaltung der Regeln achten.

Sprenger: Genau hier liegt das Problem. Inzwischen beschäftigen sich Vorstandsvorsitzende einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit internen Märkten, also mit Compliance-Beauftragten, Rechtsanwälten und Aufsichtsräten. Stattdessen sollten sie sich mehr um externe Märkte kümmern, das würde den Unternehmen mehr nützen.

mm: Fälle wie der Sex-Skandal im Vertrieb der Ergo-Versicherungen sind der beste Beweis, dass es ohne Compliance nicht geht.

Sprenger: Das sehe ich anders. Die Ergo-Nummer mag geschmacklos gewesen sein, aber sie war nicht kriminell. Insofern kann ich mich der allgemeinen Empörung nicht anschließen.

mm: Sie wollen doch nicht sagen, dass man solche Auswüchse tolerieren soll?

Sprenger: Ich sage nur, dass dieser ganze Verregelungszirkus lediglich die Illusion von Sicherheit schafft. Das sind afrikanische Regentänze. Da kommt ja auch kein Regen, aber tanzen muss man.

mm: Wie können Unternehmen ihre Vertriebsmitarbeiter - trotz Regulierungskorsett - noch zu Hochleistung motivieren?

Sprenger: Gar nicht. Jeder Mensch ist motiviert. Keiner will einen schlechten Job machen. Führungskräfte können nur die Voraussetzungen für Bestleistungen schaffen. Dazu gehört vor allem, die Leistungsfähigkeit zu fördern, denn nichts ist so motivierend, als wenn man etwas gut kann. Und die Menschen müssen einen Sinn in ihrer Arbeit sehen. In vielen Firmen geht es nur noch um die Steigerung des Unternehmenswertes. Dass die eigene Leistung vorrangig die Lebensqualität der Kunden erhöhen soll, spielt kaum mehr eine Rolle. Das ist pervers.

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