Mittwoch, 28. Juni 2017

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Argentinien Die unsichtbaren Unternehmer von Buenos Aires

Star aus dem Slum: Argentiniens Ein-Mann-Wirtschaftswunder Victor Castillo
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Corbis

Wer hat den außergewöhnlichsten Managementjob? Victor Castillo müsste auf jeder Skala in die engere Wahl. Dabei hat er nur 25 Mitarbeiter. Doch Leute wie er ziehen mit unbändigem Durchhaltewillen einen Mittelstand besonderer Art auf. Unter verschärften Bedingungen - im Slum von Buenos Aires.

Buenos -Aires - Wer hier ankommt, wird unsichtbar. Über die gut 50 Meter breite Ausfallstraße am Hafen donnern Lastzüge. Ein Bus hält. Eine kleine Schar von Müttern mit Kindern steigt aus und steuert auf eine Seitenstraße zu. Rechterhand ein leeres Hochhaus. Auf der Straße qualmt Müll. Der Asphalt ist gebrochen. Zur Linken als erstes Container, fünf Etagen hoch gestapelt. Gleich hinter ihnen beginnt eine Reihe dicht gedrängter Häuser. Das ist der Eingang in den zentralen Slum von Buenos Aires.

Die Kinder tollen um ihre Mütter herum, dann verschwindet die Gruppe in einer der versteckten Gassen zwischen den Häusern. Menschen, die hier wohnen, nennen sich selbst "los invisibilizados": die unsichtbar gemachten.

Victor Castillo ist einer von ihnen. Er mustert sein Gegenüber mit abtastendem Blick aus zusammengekniffenen Augen, dann ein zögernder Händedruck. Die Geschichte, die er von sich erzählt, handelt von Victor, dem Sträfling, und Victor, dem Rechtsanwalt, vom Träumer - und vom Unternehmer. Wenn ein deutscher Mittelständler von echtem Schrot und Korn über seine Firma redet, dann klingt das etwas anders, als wenn Castillo das tut. Aber nur etwas. Er ist einer jener Unternehmer, die abseits milliardenschwerer Infrastrukturprojekte Südamerikas Aufstieg antreiben.

Und zwar dort, wo aus den vom Rohstoffexport finanzierten Sozialprogrammen kaum etwas ankommt: In den Slums - Dörfern, "Villas", wie sie in Buenos Aires heißen. Da landen nicht nur Einwanderer, sondern auch Familien der argentinischen Mittelschicht, die ihre aufgrund des Booms steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können: Paradoxie des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Vom Staat aufgegeben

Einmal dort angekommen, werden die Menschen "unsichtbar", ihre Ausstiegschancen sind minimal. Die Adresse "Villa 31" - so heißt der Slum in der Mitte der Metropole - ist bei Bewerbungen ein Makel. Viele sortieren nachts auf den Straßen Karton und Papier aus dem Abfall. Der Drogenhandel beherrscht einige Slums, viele Gegenden hat der Staat aufgegeben.

"Die Villa 31 ist ein Symbol der Ungerechtigkeit", sagt Rocío Sánchez Andía, Oppositionsabgeordnete im Stadtrat. "Die Polizei ist in das Drogengeschäft verwickelt, teils organisiert sie es sogar. Und es gibt Banden, die Menschen aus Bolivien einschleusen und sie als Prostituierte oder als Sklaven für Textilfirmen halten." Die Bewohner seien die Opfer der Kriminalität, nicht die Täter. Doch einige "Opfer" warten nicht auf staatlichen Beistand. Leute wie Castillo bauen gegen allen Widerstand einen eigenen Mittelstand auf - allerdings einen der besonderen Art.

Castillo ist Mitte 30, zweimal war er im Gefängnis. Als seine Mutter starb, war er 15. Er und seine fünf Brüder trieben sich danach als Jugendbande herum. Hier etwas zum Anziehen, dort etwas zum Essen stehlen. Nach der ersten Haftstrafe war Castillo "für die Leute draußen einer aus der Villa, und für die hier drinnen einer aus dem Knast: Ich kenne die doppelte Diskriminierung". Er stahl wieder. Im Gefängnis studierte er Jura, in Freiheit wurde er Rechtsanwalt. "Aber wenn ich mal keinen Anzug anhatte, war ich für Polizisten ein wandelndes Vorstrafenregister." Er gab seine Karriere auf und ging in die Villa 31 zurück. Um Unternehmer zu werden.

Die Villa 31 ist der älteste Slum von Buenos Aires. Vor einem Jahrhundert war er für Einwanderer aus Europa das Tor in eine florierende Wirtschaft und Zuflucht für politisch Verfolgte. "Hoffnung" hieß der Ort damals. Als Argentinien den Anschluss an die Industrienationen verlor, wurde daraus ein Elendsquartier. Ende der 70er Jahre vertrieb die Diktatur alle bis auf 40 Familien, die ihr Bleiberecht todesmutig durch die Instanzen fochten. Nach dem Ende der Junta 1983 entstand die Siedlung neu. Heute leben auf den 20 Hektar rund 30.000 Menschen.

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