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22.09.2011
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Lebensversicherer vor Umbruch
Die fetten Jahre sind vorbei

Von Lutz Reiche

Corbis

Der Staat hat die Lebensversicherer mit Riester, Rürup und Steuerprivileg gepäppelt. Das ist nicht wiederholbar. Nach zehn fetten Jahren folgen nun zehn magere, sagt Dieter Kipp von der Managementberatung Zeb im Gespräch mit manager magazin Online. Die Branche müsse ihr Geschäftsmodell grundlegend überdenken.

mm: Herr Kipp, im vergangenen Jahr kletterten die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer noch um 6 Prozent. Sie prognostizieren der Branche bis zum Jahr 2020 einen Rückgang des Neugeschäfts von 10 Prozent. Das bedarf einer Erklärung.

Kipp: Wir sollten zunächst festhalten, dass die Branche im vergangenen Jahr ohne das mitunter flüchtige Geschäft gegen hohe Einmalbeiträge nicht gewachsen wäre. Hier flachte die Wachstumskurve bereits 2010 ab und dürfte auch in diesem Jahr weiter fallen. Aber zu unserer These: Das vergangene Jahrzehnt war für die Branche vor allem durch Einmaleffekte wie die Einführung der Riester- und Rürup-Rente sowie das Steuerprivileg bis zum Jahr 2004 geprägt. Diese Effekte lassen sich nicht wiederholen.

mm: Wie kommen Sie nun auf die 10 Prozent?

Kipp: Vorausgesetzt, das Vorsorgeverhalten der Menschen ändert sich nicht, was man in diesen Zeiten ja schon als eine optimistische Annahme bezeichnen darf, ergibt sich der Rückgang bereits allein durch die alternde Bevölkerung, weil die typische Zielgruppe der 30- bis 45-Jährigen immer kleiner wird. Damit ändern sich die Rahmenbedingungen grundlegend. 10 Prozent sind für eine Branche, die es gewohnt ist, zu wachsen und die Volumensteigerungen braucht, um zum Beispiel Kostenentwicklungen abzufangen, schon ein Alarmsignal.

mm: Wohl nicht das einzige, wenn man an die niedrigen Kapitalmarktzinsen und die schärfere Eigenkapitalregeln ab 2013 denkt.

Kipp: In der Tat. Die Umsetzung von Solvency II wird die Unternehmen zunächst einmal Geld kosten. Die höheren Eigenmittelanforderungen für langfristige Garantien und bestimmte Anlageklassen werden die Eigenkapitalrendite der Unternehmen zusätzlich drücken. Angesichts der niedrigen Wiederanlagezinsen bei festverzinslichen Papieren wird die Branche auch zusehends Probleme bekommen, die zugesagten Garantien von 3,4 Prozent im Schnitt zu erwirtschaften. Die Herausforderungen für die Lebensversicherer in den kommenden Jahren sind enorm, und sie sind nicht wirklich darauf vorbereitet. Unternehmen, die jetzt nicht umsteuern und ihr Geschäftsmodell überarbeiten, werden es in Zukunft sehr schwer haben, am Markt zu bestehen.

mm: Welche Optionen hat die Branche?

Kipp: Eine ganze Menge, denn die demografische Entwicklung zum Beispiel bietet ja auch durchaus Chancen. Die Unternehmen müssen sich künftig intensiver um die Zielgruppe "55+" kümmern. Wachstumschancen sehen wir hier vor allem in der zusätzlichen Pflegeversicherung, bei Assistance-Leistungen und nach wie vor bei sofort beginnenden Renten gegen Einmalbetrag. Es bedarf zudem mehr flexibler Produkte. Auch Senioren haben Bedürfnisse oder Pläne und damit einen schwankenden Kapitalbedarf. Für solche Fälle ließen sich verstärkt Produkte entwickeln und vertreiben, die eine variierende Rentenhöhen je nach gewünschten Zeitpunkt ermöglichen. Analog gilt es, jüngeren Kunden, flexiblere Modelle mit variierenden Beitragshöhen oder zusätzlichen Einmalzahlungen zu ermöglichen. Im Kern geht als also um Produkte, die sich stärker den unterschiedlichen Lebensphasen anpassen.

mm: Es ist ja nicht so, dass es solche Produkte nicht schon gäbe. Müsste die Branche nicht vielmehr an der immer noch schwach ausgeprägten Vorsorgebereitschaft und zunehmenden Vorsorgeunfähigkeit der Menschen ansetzen?

Kipp: In der Tat ist hier immer noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Die Absicherung vieler Bürger für den Fall der Berufsunfähigkeit oder der Pflegebedürftigkeit ist nach wie vor schwach ausgeprägt. Das Risiko wird schlicht unterschätzt. Gleiches gilt für das sinkende Rentenniveau mit der einhergehenden Gefahr der Altersarmut bei unzureichender Vorsorge. Eines ist dabei klar: Der Staat als Helfer in der Not wird sich aus diesen Bereichen wegen der angespannten Finanzlage immer weiter zurückziehen. Der private Vorsorgebedarf wird also steigen. Die Branche muss helfen, diese Einsicht stärker zu vermitteln und das zweifelsohne vorhandene Nachfragepotenzial wecken. Die Devise kann daher nur lauten: Mehr Information, mehr Beratung, dichter ran an die Menschen.

mm: Warten wir's ab, ob die Branche dazu in der Lage ist. Damit wäre auch nur ein Feld bearbeitet. Was können die Unternehmen tun, um der Klemme von Niedrigzinsen, hohen Garantieverpflichtungen und zunehmender Regulierung zu entkommen?

Kipp: Das ist die deutlich härtere Herausforderung und ein Patentrezept gibt es da nicht. Jedes Unternehmen sollte zum Beispiel für sich prüfen, inwieweit es die langfristig eingegangenen Garantien in seinen Produkten zukünftig noch aufrechterhalten kann und will.

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Zur Person

Dieter Kipp ist Partner der Managementberatung "zeb" und verantwortlich für die Themen Strategie und Vertrieb von Versicherungsunternehmen. Die Gruppe zählt zu den führenden Beratungshäusern für die Finanzwirtschaft und beschäftigt 700 Mitarbeiter.









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