Dienstag, 11. Dezember 2018

Inkubatoren 2.0 Die Rundum-Sorglos-Brutkästen

Das Talent der Gründer steht mittlerweile ebenso im Vordergrund wie die Idee. Dazu kommen Basisprozesse, Netzwerke, Know-how, Ressourcen, Personal und Kapital - alles aus einer Hand.

Früher reichten schon günstige Räumlichkeiten, um  Neugründungen in die Gründerzentren für junge Unternehmen zu locken. Heute reicht das schon lange nicht mehr, denn die Ansprüche der Gründer sind gestiegen. Ehemalige Gründer, die einen erfolgreichen Exit erleben durften, haben neue Inkubator-Konzepte entwickelt: Den Rundum-Sorglos-Brutkasten.

Die Ansprüche und Bedürfnisse der Gründer sind enorm gestiegen - auch aufgrund der derzeit wieder aufkommenden Pre-Hype-Zeit der Net Economy. Deswegen wurde aus der Not eine Tugend gemacht und insbesondere ehemalige Gründer haben neue Inkubator-Konzepte zu einem eigenen Geschäftsmodell entwickelt: Den Rundum-Sorglos-Brutkasten.

Erfolgsgeschichten wie die des Y Combinator aus dem kalifornischen Silicon Valley haben einen Boom der modernen Inkubatoren 2.0 auch hierzulande ausgelöst. Diese neuen Inkubator-Konzepte haben nicht mehr viel mit den alt bekannten Gründerzentren gemeinsam.

Früher kam es hier vor allem auf die Vermarktung von Räumlichkeiten an. In der Regel waren diese aber von dem durch den Gründer eigentlich benötigten Kapitalstrom abgekoppelt. Einige Ausnahmen waren im Bereich des Corporate Venture Capital zu beobachten, wo man neben dem Investment auch in den Räumlichkeiten des strategischen Investors einziehen durfte. In der Regel suchte man aber nach einem Investor und dann nach einem Inkubator, um sich niederzulassen. Eine unmittelbare Verbindung gab es nicht.

Heute ist das anders: Man geht zu einem Inkubator, um von diesem auch ein Investment zu erhalten.

Kombinierter Frühphasendeal - Rundumservice gegen Firmenanteile

Der Grundgedanke der neuen Generation der Inkubatoren besteht in einem kombinierten Frühphasendeal. Basisprozesse, Netzwerke, Know-how, Ressourcen, Personal und Kapital werden gleichzeitig aus einer Hand angeboten und zudem über alle jungen Unternehmen im Inkubatoren übergreifend koordiniert.

Der Inkubator 2.0 ist Business Angel, Venture Capitalist, Netzwerkplayer, Dienstleister und Gründerzentrum in einem. Im Gegenzug dafür ist nicht mehr nur eine Miete für Räumlichkeiten seitens der Gründer fällig, sondern auch Anteile am Unternehmen.

Nur wenige Inkubatoren machen die Konditionen hinter diesen Deals öffentlich. Die Gründerschmiede HackFwd zum Beispiel verlangt für eine einjährige Förderung einheitlich 27 Prozent der Anteile (plus 3 Prozent für Mentoren), aber es ist auch nicht selten, dass die Gründer in anderen Modellen deutlich mehr Anteile abgeben müssen.

Betreiber sind oftmals erfolgreiche Gründer

Auch die Betreiber der Inkubatoren haben sich geändert. Wurden früher die Brutkästen oftmals von reinen Facility-Managern gesteuert, stehen heute erfolgreiche Gründer mit erfolgreichem Exit und mehreren weiteren Unternehmensbeteiligungen hinter den Inkubatoren. Der Vorteil ist, dass diese die neuen Gründer aktiver durch den Gründungsdschungel begleiten und verstärkt zum Wachstum in strategischer und operativer Art und Weise beitragen können. Nachteil ist, dass sie sich dieses Wissen verstärkt in Anteilen vergüten lassen.

Dafür können die Gründer aber auch auf mehr zurückgreifen, als auf die eigenen vier Wände: Kapital, Unternehmenskonzeption, -aufbau und -optimierung, Marktanalyse, Strategieentwicklung, Produktentwicklung, Human Resources, Web Design, Marketing, Internationalisierung, Operations & Logistik, Buchhaltung und rechtliche Betreuung.

Lars Hinrichs, der ehemalige Gründer von XING und nun Kopf hinter HackFwd, hat es auf einer Podiumsdiskussion einmal so ausgedrückt: "Unsere Gründer sollen sich auf das Produkt und das Business konzentrieren können und nicht auf Verwaltungsaufgaben oder Vertragsgestaltungen."

"Auf das Business konzentrieren"

Betrachtet man nun die einzelnen Inkubatorangebote genauer, so wird schnell klar, dass durchaus im Detail unterschiedliche Ansätze und Themenbezüge zu beobachten sind. Allgemein gilt in der Regel immer, dass sich angehende Gründer oft nur mit einem Konzept oder einer Gründungsidee beim Inkubatorteam bewerben müssen. Ein bis ins letzte Detail ausgearbeiteter Businessplan ist dabei weniger wichtig, als ein gut funktionierendes Team und eine Idee.

Das Talent der Gründer steht mittlerweile ebenso im Vordergrund, wie die Idee. So ist zum Beispiel HackFwd auf Computer-Spezialisten mit guten Ideen spezialisiert, um diese zu Gründern zu machen, wohingegen Hanse Ventures nach Unternehmertypen sucht, die auch eine fremde Idee in ein Unternehmen verwandeln können.

Bei HackFwd erfolgt die Auswahl der zukünftigen Unternehmer durch ein Board von Entscheidern. Gelingt es einem angehenden Gründer ein Mitglied des Boards von seiner Idee und seinem Können zu überzeugen, spricht das Mitglied eine Empfehlung für das Gründungsvorhaben aus. Voraussetzung sind die technische Ausrichtung und Einzigartigkeit der Idee - Copycats sind nicht erwünscht.

Hanse Ventures: Ausbildung zum Unternehmer

Im Inkubator Hanse Ventures, der erst 2010 in Hamburg gegründet wurde, bekommen Gründer die Chance am "Entrepreneur in Residence Programm" teilzunehmen, eine "Ausbildung zum Unternehmer" die innerhalb eines Jahres aus engagierten Gründungsinteressierten strategisch geschulte Unternehmer mit Praxiserfahrung machen soll. Bisher hat Hanse Ventures acht Eigengründungen vorzuweisen, die alle das EIR Programm erfolgreich durchlaufen haben.

Der Inkubator Rocket Internet der drei Samwer-Brüder mit Sitz in Berlin investiert seit 2007 in innovative Unternehmen im Internetbereich und begleitet vielversprechende Geschäftsmodelle bei der Etablierung am Markt. Das Rocket-Team hat bereits zahlreiche erfolgreiche Internetunternehmen im In- und Ausland mit Know-how und Kapital begleitet. Darunter befinden sich einige der bekanntesten Internetprojekte der letzten Jahre, z.B. eDarling, Groupon, TopTarif und Zalando.

You is now ist ein Inkubator, der aus den Erfolgen von ImmobilienScout24 entstanden ist und Gründer durch die Ressourcen der Scout24-Gruppe fördert. Hier sind vor allem innovative Ideen gefragt, die der Immobilienwirtschaft nahe stehen, allerdings ist dies keine zwingende Voraussetzung für das Zustandekommen einer Kooperation. Gründer erhalten für den Zeitraum von zwölf Monaten Zugang zum gesamten ImmobilienScout24-Netzwerk und zu der Reichweite des Portals.

In erster Linie sind sowohl die gut funktionierende Infrastruktur als auch die stark optimierten Prozesse jene zusätzlichen Vorteile, von denen neue Unternehmen über das Startkapital hinaus profitieren können, so dass Gründer gleich mit den entsprechenden Schritten loslegen können, ohne lange auf die Suche nach Personal und Expertise gehen zu müssen.

Ist die Seed-Finanzierung ausgelaufen, beteiligen sich viele der Inkubatoren noch zusätzlich oft aktiv an der Vermittlung von Venture-Capital als Anschlussfinanzierung. Ungeachtet dessen, sollte man aber natürlich prüfen, über welchen Inkubator man sich hochzüchten lassen möchte. Nicht jede "Business-Hebamme" hat die passende Milch für den Start-up-Zögling. Drum prüfe, wer sich (ewig) bindet...

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