Samstag, 25. Juni 2016

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Übernahmen "Chinesen bieten für 30 deutsche Autozulieferer"

Volkskongress in China: Neuer Fünfjahresplan soll das Autogeschäft verändert haben
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Volkskongress in China: Neuer Fünfjahresplan soll das Autogeschäft verändert haben

China kauft technisch gut entwickelte deutsche Autozulieferer wie nie zuvor.  Die Roland-Berger-Experten Dirk Kohlen und Marcus Berret sagen im Interview, ob der deutschen Autoindustrie jetzt der Ausverkauf droht - und seit wann europäische Konzerne ihre China-Partner zum Kopieren anstiften.

mm: Herr Berret, Herr Kohlen, es scheint als hätte China einen gigantischen Appetit auf deutsche Unternehmen entwickelt. Erst hat Lenovo den Aldi-Hauslieferanten Medion übernommen, dann spekulieren alle über das wieder erwachte Interesse des Pekinger Baic-Konzerns an Opel, und jetzt kauft die staatliche chinesische Citic-Gruppe den Hildesheimer Aluminiumgussspezialisten KSM. Droht der Ausverkauf insbesondere deutschen Automobil-Knowhows nach China?

Berret: Einen Ausverkauf sehe ich definitiv nicht. Gerade wenn es um Automobilzulieferer geht, passen die großen Konzerne wie Volkswagen Börsen-Chart zeigen, Daimler Börsen-Chart zeigen und BMW Börsen-Chart zeigen schon auf, dass nicht zu viel Wissen über ihre Technologien in Richtung Ausland abfließt. Aber es gibt derzeit einen noch nie erlebten Schub an Investitionen aus China. Und wir werden in den nächsten Monaten noch viele ähnliche Transaktionen erleben.

mm: Was führt Sie zu dieser Erwartung?

Berret: Schauen Sie sich die Entwicklung der vergangenen zwölf Monate an. Investoren aus Wachstumsregionen, insbesondere aus China, haben ihren Anteil an den Übernahmen von Autozulieferern aus dem deutschsprachigen Raum verdoppelt. Und ihr Interesse an europäischen Zulieferern wächst weiter. Momentan stehen zwischen 20 und 30 weitere deutsche Unternehmen zum Verkauf - und bei nahezu jedem gibt es einen sehr interessierten chinesischen Bieter.

mm: Die betroffenen Belegschaften reagieren besorgt, etwa bei dem ebenfalls nach China verkauften Zulieferer Saargummi. Die Arbeitnehmer erinnern sich an krachend gescheiterte frühere Versuche: zum Beispiel die Übernahmen des TV-Herstellers Schneider und des Flugzeugkonzerns Fairchild Dornier.

Berret: Das stimmt, aber die Angst legt sich langsam. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens haben die Chinesen früher schwer angeschlagene Unternehmen gekauft. Sie mussten sanieren und Mitarbeiter entlassen. Als sie aber dann scheiterten, war das für sie eine doppelte Niederlage: Die Übernahme hatte sich nicht gelohnt und das Image der chinesischen Investoren war ruiniert. Heute kaufen sie gezielt technisch gut entwickelte und meistens auch florierende Firmen, die nicht restrukturiert werden müssen. Außerdem haben chinesische Investoren verstanden, dass sie die Mitarbeiter korrekt behandeln müssen, wenn sie langfristig von ihrem Fachwissen profitieren wollen. Ansonsten verlassen die besten Fachkräfte schnell das Unternehmen.

mm: Aber sind die chinesischen Methoden, ein Unternehmen zu führen, wirklich kompatibel mit sozialer Marktwirtschaft und deutscher Managementkultur?

Kohlen: Endgültig werden wir diese Frage erst Monate oder sogar Jahre nach der Übernahme beantworten können. Sicherlich haben aber die Chinesen verstanden, wie sie den Wert eines Unternehmens erhalten. Dazu gehört auch der Respekt unterschiedlicher Managementkulturen.

Berret: Kulturelle Unterschiede haben Sie immer. Das gilt für Käufer aus Brasilien genauso wie für amerikanische Finanzinvestoren und selbst für Partner aus unserem Nachbarland Frankreich.

mm: Das mag alles sein. Was aber ist mit der vielleicht größten Angst vor den neuen Angreifern: Den Chinesen gehe es einzig um die deutschen Patente, die deutschen Fabriken und Entwicklungszentren würden über kurz oder lang geschlossen.

Berret: Da spielen zwei Faktoren eine wichtige Rolle. Natürlich sind die Chinesen an der deutschen Technologie stark interessiert und werden alles daran setzen, das Wissen ihrer neuen Mitarbeiter von China aus zu nutzen. Andererseits kaufen sie Zulieferer in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch, um leichteren Zugang zu den großen Automobilkonzernen hier zu Lande zu bekommen.

Kohlen: Dazu brauchen sie Ingenieure, die einen direkten Draht in die Unternehmenszentralen haben. Audi, Mercedes und BMW Börsen-Chart zeigen erwarten von ihren Zulieferern Toptechnologie. Für die Automobilhersteller ist wichtig, die Ingenieure in ihrer Nähe zu haben, um mögliche Probleme oder Neuheiten schnell diskutieren zu können. Die Chinesen haben das begriffen: Ein Kahlschlag bei ihren neuen Töchtern wäre kontraproduktiv.

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