Freitag, 14. Dezember 2018

Protest im Wirtschaftswunderland Der Ländle-Mythos gerät ins Wanken

Perlen im Südwesten: Die zwölf größten Unternehmen Baden-Württembergs
dapd

Der Kampf um das Bahnprojekt Stuttgart 21 erschüttert den legendären Ruf von Baden-Württemberg als Erfolgsländle. Vordergründig streiten Gegner und Befürworter um einen Verkehrsknotenpunkt. Tatsächlich erodiert der Konsens darüber, wie das Bundesland seine Wirtschaft in die Zukunft steuern soll.

Baden-Württembergs innere Kampfzone verläuft mitten durchs Stuttgarter Zentrum. Auf knapp einem Kilometer Länge verschanzen sich Befürworter und Widersacher des Milliardenprojekts - ziemlich genau, wo der neue Tiefbahnhof "Stuttgart 21" entstehen soll.

Es liegt zurzeit eine gespenstische Stille über der City. Im Schlosspark harren die Gegner in ihrer Zeltstadt. Manche verbringen die Nacht in Baumhaus, unten brennen Kerzen. Im viereckigen Bahnhofsturm nebenan schieben Projektplaner eine Besuchergruppe nach der anderen an Modellen vorbei und reagieren gereizt auf kritische Nachfragen.

Am Bauzaun, der mit Protestplakaten gepflastert ist, treffen sich Demonstranten auf einen Schwätzchen. Die professionellen Befürworter aus dem Kommunikationsbüro und von der IHK beobachten sie aus ihren Büroklötzen am Hang schräg gegenüber. Die Bahnhofshalle mittendrin ist eine Art neutrale Zone, in der Tag und Nacht Polizisten patrouillieren.

"Die Gräben sind inzwischen sehr tief"

Die angespannte Ruhe deckt den Großkonflikt, der Baden-Württemberg erschüttert, nur notdürftig zu. Zwar beruhigt die Schlichtung unter Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler die Gemüter. Statt mit Reizgas und Hassparolen gehen die Kontrahenten derzeit mit Fakten und Argumenten aufeinander los. Eine Lösung, mit der alle leben können, ist jedoch weiter nicht in Sicht.

Ist der tiefe Riss überhaupt noch zu kitten, der inzwischen durch das Musterländle geht? Der erbitterte Streit über Stuttgart 21 lässt den Konsens darüber erodieren, wie Baden-Württemberg seine wirtschaftliche Spitzenstellung in der Republik behaupten kann.

"Die Gräben sind inzwischen sehr tief", sagt der Mannheimer Politikwissenschaftler Thomas König. "Im globalen Wettbewerb kann man sich das aber nicht leisten."

Die einen halten das Bauvorhaben zumindest als Symbol für unverzichtbar, will die Region nicht zurückfallen. Für die anderen ist das Sieben-Milliarden-Euro-Projekt Ausdruck von Prasserei und Großmannssucht, und damit genau das Gegenteil dessen, was das Land groß gemacht hat: Sparsamkeit und Kleinteiligkeit.

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