Montag, 19. November 2018

Nachhaltigkeit Grüner wird's nicht!

Es grünt so grün: Grüngewaschene Werbebotschaften
REUTERS

In Sachen Nachhaltigkeit betreiben viele Unternehmen dreiste Schönfärberei. Ermöglicht wird sie ihnen durch die Gutgläubigkeit von Kunden und Anlegern. Ein grünes Mäntelchen soll das Image verbessern - der Öko- und Sozialklimbim darf aber die Profitabilität nicht stören.

Am 22. Juli verkündete die Unternehmensberatung A. T. Kearney stolz: Ab sofort berate man seine Kunden weltweit klimaneutral. Alle unvermeidlichen CO2-Emissionen, die bei A. T. Kearney vor allem durch Dienstreisen anfallen, würden durch Investitionen in Klimaschutzprojekte kompensiert. Und die Deutsche Bank rühmt sich in ihrem Nachhaltigkeitsbericht, dass man in den frisch renovierten Bürotürmen in Frankfurt 89 Prozent weniger Treibhausgas verursachen werde als zuvor.

Klingt gut, oder?

Natürlich, niemand hat etwas dagegen, wenn Unternehmensberatungen Aufforstungsprojekte unterstützen und Finanzdienstleister ihre Bürofassaden besser isolieren. Doch zugleich deuten diese Maßnahmen auf ein fehlgeleitetes Verständnis von Nachhaltigkeit hin, das in vielen Konzernen leider zum Normalfall geworden ist und sich überspitzt so beschreiben lässt: Starte möglichst viele Projekte, die dein Unternehmen verantwortungsbewusst gegenüber Umwelt, Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft dastehen lassen. Rede möglichst laut über diese Aktivitäten. Sorge dafür, dass dein Unternehmen in den entsprechenden Rankings gut dasteht. Treibe mit dem Image der Nachhaltigkeit deinen Aktienkurs nach oben.

Aber lasse auf keinen Fall zu, dass der ganze Öko- und Sozialklimbim deine Profitabilität beeinträchtigt!

Deshalb befassen sich Unternehmensberatungen und Finanzdienstleister am liebsten damit, dass ihre CO2-Bilanz stimmt - obwohl wahre Nachhaltigkeit für diese Unternehmen vor allem darin bestehen müsste, ihre Kunden so ehrlich zu behandeln, dass die auch morgen noch mit ihnen Geschäfte machen wollen.

Umgekehrt reden besonders energieintensive Branchen nur zu gern über ihre Verankerung in der Gesellschaft, über sichere Arbeitsplätze und zufriedene Kunden - nur eben nicht über ihre CO2-Emissionen. So rühmt sich der Stromversorger Vattenfall Europe zum Beispiel der vielen Vereine, die man in Brandenburg finanziell unterstütze. Was wahrscheinlich den angenehmen Nebeneffekt hat, dass die Begünstigten nicht so schnell ins Lager der Gegner des extrem klimafeindlichen und landschaftszerstörerischen Braunkohletagebaus überlaufen.

Der Blick fürs Unwesentliche zieht sich durch alle Branchen, und er hat Methode. Anleger und Konsumenten belohnen in der Regel nicht das nachhaltigste Unternehmen durch ihre Investitions- und Kaufentscheidung, sondern jenes, dass sich am erfolgreichsten ein grünes und/oder soziales Image verpasst. In einem großen Report befasst sich das manager magazin in seiner neuesten Ausgabe mit solchen Beispielen der Schönfärberei - oder des "Greenwashing" wie es international heißt.

Die mm-Recherchen zeigen: Den Grünwaschern wird das Leben leicht gemacht. So veröffentlichen nahezu alle Dax-30-Konzenere eigene Nachhaltigkeitsberichte. Doch nur eine Minderheit lässt diese Berichte durch einen Wirtschaftsprüfer verifizieren. Auch Nachhaltigkeitsindizes wie der weltweit führende Dow-Jones-Sustainability-Index beruhen zum Großteil auf freiwilligen Angaben der Unternehmen. Diese Angaben können stimmen, müssen aber nicht. Wodurch sich auch erklärt, warum ein Katastrophenkonzern wie BP noch bis zum Sommer den Dow-Jones-Sustainability-Index zieren konnte.

Es ist daher höchste Zeit für mehr Ehrlichkeit bei der Nachhaltigkeit! Hier ein Drei-Punkte-Programm, das diesem Ziel dienen könnte.

Erstens: Über Nachhaltigkeit lohnt es sich nur zu reden, wenn sie das Kerngeschäft betrifft. Und dieses Kerngeschäft lässt sich bei einem Großteil der Konzerne nun einmal nicht von heute auf morgen ökologisch umbauen. Doch auch klimafeindliche Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und stiften gesellschaftlichen Nutzen, etwa in Form einer sicheren Stromversorgung. Auf solche Zielkonflikte und Pfadabhängigkeiten könnten die Konzerne ruhig selbstbewusst hinweisen, anstatt sich hinter grünen Phrasenwällen zu verschanzen.

Zweitens: Relevante Informationen zur Nachhaltigkeit gehören in den regulären Geschäftsbericht, versehen mit dem Siegel eines Wirtschaftsprüfers. Was nicht in den Geschäftsbericht passt, interessiert auch sonst niemanden.

Und drittens: Die Verantwortung für Nachhaltigkeit sollte beim Vorstand liegen, nicht in der Kommunikationsabteilung. Wahre Nachhaltigkeit ist Teil der Unternehmensstrategie, nicht des Marketing.

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