Samstag, 15. Dezember 2018

Energiepolitik Ein Brief spaltet die Wirtschaft

Männer gegen Merkel: Diese Topmanager kämpfen für Kohle und Atom
AP

In einem offenen Brief gehen 40 Manager und Verbandsfunktionäre scharf mit der Energiepolitik der Bundesregierung ins Gericht. Sie fordern längere Laufzeiten für Atommeiler und neue Kohlekraftwerke und nehmen für sich in Anspruch, für die gesamte Wirtschaft zu sprechen - das tun sie aber offensichtlich nicht.

Hamburg - Es ist ein Brief mit gewaltiger Sprengkraft. 40 Topmanager und Verbandsfunktionäre fordern in ganzseitigen Anzeigen eine "realistische" Energiepolitik. Das bedeutet aus ihrer Sicht, dass Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken auch in den kommenden Jahrzehnten unabdingbar ist, damit die Industrie bezahlbaren Strom beziehen kann.

Umweltschützer und Oppositionspolitiker schäumen. Doch auch Wirtschaftsvertreter, die nicht zu den Unterzeichnern zählen, sind irritiert.

Von den 30 Dax-Konzernen haben lediglich acht Vorstandsvorsitzende den Brief unterzeichnet, dazu verstecken sich die Chefs der Autokonzerne hinter ihrem Verbandschef Matthias Wissmann. Dabei hätten die Initiatoren "auf breiter Basis" Unternehmen angefragt, heißt es in Konzernkreisen. Nicht dabei sind beispielsweise Siemens Börsen-Chart zeigen , die Deutsche Telekom, die Lufthansa Börsen-Chart zeigen und SAP Börsen-Chart zeigen .

"Es ist auffällig, dass viele nicht dabei sind, die etwas dazu zu sagen gehabt hätten", heißt es bei einem großen Familienunternehmen.

Offiziell wollte kaum ein Unternehmen den Brief der 40 kommentieren - so weit reicht die Solidarität unter den Wirtschaftsführern. "Wir verfolgen diese Diskussion und beteiligen uns an ihr im direkten Austausch und Gespräch mit der Politik", verweist immerhin Siemens auf eine eigene Strategie in der energiepolitischen Diskussion.

Verschiedene Beweggründe für die Abstinenz

Bei anderen ist hinter vorgehaltener Hand von verschiedenen Beweggründen für die Abstinenz die Rede. Manche teilen die Ziele zwar, wollen es sich mit der Kanzlerin aber nicht verscherzen. Andere gestehen ein, dass sie die Initiative für eher gestrig halten und werten sie als Plattform für unionsinterne Kritiker der Bundeskanzlerin.

"Die Initiative spricht sicher nicht für die gesamte deutsche Wirtschaft", heißt es bei einem Unternehmen, das viel auf sein Engagement für Erneuerbare Energien hält. "Wie passt so etwas zu einer Nachhaltigkeitsstrategie?"

In Managerkreisen, die sich in der Vergangenheit für eine ambitionierte Senkung der Treibhausgasemissionen ausgesprochen haben, wird man deutlicher. "Das kommt gar nicht positiv an", sagt ein prominenter Manager, der ebenfalls anonym bleiben will. "Einige sprechen von Klimaschutz nur, wenn es ihnen selbst nicht weh tut. Diese Initiative kann auch nach hinten losgehen."

"Wir sind extrem verärgert"

Pikanterie am Rande: Der Versuch der Initiatoren, auch Unterstützer aus dem Gewerkschaftslager zu gewinnen, schlug fehl. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE), deren Vorsitzender Michael Vassiliadis in einer ersten Version des Briefs als Unterzeichner geführt wurde, stellte klar, dass dieser gar nicht gefragt worden war.

"Wir sind extrem verärgert", sagte ein Sprecher der IGBCE gegenüber manager magazin. Die Gewerkschaft habe die Initiatoren schriftlich aufgefordert, sicherzustellen, dass der Name des Vorsitzenden nicht mehr im Zusammenhang mit dem Appell erscheine. "Wenn Herr Vassiliadis den Appell als inhaltlich sinnvoll und zweckdienlich angesehen hätte, hätte er sich beteiligt", sagte der Sprecher.

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