Mittwoch, 28. September 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Lehrstellen Wie die Topkonzerne um Nachwuchs werben

Lehrstellen: Wie Deutschlands Topkonzerne um Nachwuchs werben
Fotos
DPA

Deutschland gehen die Azubis aus. Selbst renommierte Großunternehmen haben immer mehr Probleme, ihre Lehrstellen mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Jetzt sind neue Ideen gefragt - einige Unternehmen blicken bereits auf die Kindergärten.

Für Emre Ergenekon war es die letzte Chance, für die Deutschen Telekom ein Glücksfall. Der 26-Jährige Münchner hat fünf Jahre lang vergeblich versucht, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Die Note im Fachabitur war zu schlecht für ein Studium, er wurde früh Vater, jobbte erstmal und dann war der Zug irgendwann abgefahren. Bei der Arbeitsagentur galt er als kaum noch vermittelbar - wie bei so vielen jungen Menschen ohne Ausbildung schien der Weg in Hartz IV vorgezeichnet.

Dann kam er bei der Arbeitsagentur in ein Programm, das Jugendliche für ein Jahr probeweise in die Betriebe bringt. Thomas Sattelberger, Personalvorstand bei der Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen ließ sich auf das Experiment ein. Die Telekom nahm im vergangenen Jahr 61 Auszubildende auf, die in einem normalen Bewerbungsprozess aussortiert worden wären - "auch bei der Telekom", wie Sattelberger offen zugibt. Immerhin 50 von ihnen wurden von der Telekom jetzt in ein festes Ausbildungsverhältnis übernommen. Emre Ergenekon wird derzeit zum IT-Netzwerkelektroniker ausgebildet.

Chef-Personaler Sattelberger ist sich sicher, dass Unternehmen in Zukunft häufiger auf das bisher ungenutzte Potenzial der "Unausbildbaren" zurückgreifen müssen. Denn den deutschen Unternehmen gehen die Lehrlinge aus. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer berichtet, dass im vergangenen Jahr rund 50.000 Lehrstellen nicht besetzt werden konnten.

Ein Problem, das bisher vor allem den Mittelstand betraf. Doch auch große Konzerne haben immer mehr Probleme bei der Besetzung freier Ausbildungsplätze. "Wahrscheinlich wird die Metro Group Börsen-Chart zeigen in Deutschland wieder rund 200 bis 300 Lehrstellen nicht mit ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Bewerbern besetzen können", erklärt ein Sprecher des Handelskonzerns. Bei einer Umfrage von manager magazin Online unter 40 Großunternehmen konstatierten die meisten Personalchefs, dass es zunehmend schwieriger werde und deutlich länger dauere, um geeignete Bewerber zu finden.

MINT-Fachkräfte fehlen

Vor allem in den technischen Berufen bleiben zahlreiche Stellen unbesetzt. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln berichtet, dass im allein im Juni 2010 in Deutschland 65.000 Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker (sogenannte MINT-Kräfte) fehlten. "Es wird für uns immer schwieriger, Ausbildungsstellen zu besetzen", sagt Markus Richter Personalleiter der Hella KGaA Hueck Co.

Die kommende Ausbildungslücke lasse sich heute schon berechnen, warnt Oliver Koppel, Arbeitsmarktexperte beim IW. Nicht mal acht Millionen Menschen seien heute zwischen fünf und 14 Jahre alt. Sie müssen in einigen Jahren über zwölf Millionen Menschen ersetzen, die in Rente gehen. "Das wird ein Riesenproblem, auch für den Ausbildungsbereich", warnt Koppel.

Der demografische Einfluss ist nicht vermeidbar; der Fachkräftemangel ist ein Stück weit vermeidbar", sagt Telekom-Personalvorstand Sattelberger. Die Rekrutierung bisher aussortierter Jugendlicher gehört für ihn dazu. Konzerne wie Siemens, Metro, BASF oder Bayer suchen sich ihre Auszubildende ebenfalls schon aus diesem Reservoir.

Seite 1 von 2
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH