Freitag, 16. November 2018

Kosten des Afghanistan-Einsatzes "2,3 Millionen Euro für ein Menschenleben"

Muss man so weit gehen, jeden gefallenen Soldaten mit einem Preisschild zu versehen? Im Interview mit manager magazin sagen die DIW-Forscher Tilman Brück und Olaf de Groot, die für manager magazin die deutschen Kriegskosten im Afghanistan-Einsatz berechnet haben, warum es zynisch wäre, solch eine Berechnung zu unterlassen.

mm: 43 deutsche Soldaten sind bis heute in Afghanistan gefallen und Tausende andere Menschen. Ist es da nicht ziemlich zynisch, die Kosten des deutschen Afghanistan-Kriegs in Euro ausdrücken zu wollen?

Bundeswehrsoldaten im Mai in Kunduz: "Es wäre zynisch solch eine Berechnung zu unterlassen"
Brück: Im Gegenteil - es wäre zynisch, solch eine Berechnung zu unterlassen. Nur wenn die Kosten eines Kriegs offengelegt werden, kann eine aufgeklärte öffentliche Debatte darüber entstehen, ob der politische Nutzen des Kriegs den hohen Preis rechtfertigt. Wir wollen zumindest für Transparenz auf der einen Seite dieser Gleichung sorgen, indem wir die Kosten abschätzen. Über den politischen Nutzen des Kriegs fällen wir kein Urteil.

mm: Aber muss man denn wirklich so weit gehen, jeden gefallenen Soldaten mit einem Preisschild zu versehen? Pro totem Deutschen veranschlagen Sie in Ihrer Studie 2,3 Millionen Euro.

Brück: Wieder sage ich: Es wäre zynisch und respektlos, den hohen Preis den die Soldaten und ihre Familien gezahlt haben, nicht in unsere Studie einfließen zu lassen. Der Betrag von 2,3 Millionen Euro entspricht dem, was in der EU auch in anderen Kosten-Nutzen-Analysen als Preis für ein Menschenleben veranschlagt wird - etwa bei Investitionen in die Verkehrssicherheit.

mm: Wie wackelig solche Zahlen sind, zeigt sich doch schon daran, dass der US-Ökonom Joseph Stiglitz in seiner Kostenberechnung des zweiten Irak-Kriegs den Wert eines toten Amerikaners mit 7,2 Millionen Dollar veranschlagt.

de Groot: Weder wir noch Stiglitz haben uns diese Zahlen ausgedacht. Der Unterschied reflektiert die Tatsache, dass zum Beispiel Gerichte in den USA deutlich höhere Entschädigungszahlungen für ein Menschenleben festsetzen als in der EU. In unserer Methodik haben wir uns ansonsten sehr eng an Stiglitz orientiert.

mm: Der Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz kommt auf die astronomische Summe von drei Billionen Dollar, die der zweite Irak-Krieg die USA gekostet habe. Ihm wurde anschließend vorgeworfen, die Kosten künstlich aufgebläht zu haben, damit sie in seine politische Agenda passen. Wie wollen Sie diesem Vorwurf für Ihre Berechnungen begegnen?

de Groot: Jene Posten, die in Stiglitz' Berechnungen besonders umstritten waren, tauchen bei uns gar nicht auf. Der zweite Irak-Krieg hätte ja ohne den amerikanischen Angriff nicht stattgefunden. Deshalb bezieht Stiglitz zum Beispiel auch die durch den Krieg gestiegenen Ölpreise und deren negative Auswirkungen auf die US-Wirtschaft in seine Rechnung mit ein. Solche makroökonomischen Effekte tauchen in unserer Studie gar nicht auf, weil wir argumentieren: Der Krieg hätte ja auch ohne die Deutschen stattgefunden, und eventuelle Auswirkungen des Afghanistan-Kriegs auf die Weltwirtschaft haben Deutschland in jedem Fall getroffen.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH