Freitag, 29. Juli 2016

Währungsunion in der Krise "Sonst versinkt der Euro im Chaos"

Die Deutschen müssen mehr Geld an die schwachen Euro-Staaten überweisen. Davon ist der Ökonom Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen WeltwirtschaftsInstituts, überzeugt. Ohne den Einstieg in die "Transferunion" drohe die gemeinsame Währung zu zerbrechen.

mm: Herr Professor Straubhaar, im aktuellen manager magazin beschäftigen wir uns eingehend mit der Krise des Euro-Landes. Die drohende Zahlungsunfähgikeit Griechenlands weckt Zweifel an der Währungsunion insgesamt. Sie waren in den 90er Jahren vehementer Euro-Befürworter…

HWWI-Direktor Straubhaar: "Wir werden die Zeche für die hohe Verschuldung im Euro-Land insgesamt zahlen müssen"
Straubhaar: ... das bin ich heute noch. Was meinen Sie, was los wäre, wenn es nach wie vor nationale Währungen gäbe! Wilde Ausschläge der Wechselkurse, der Binnenmarkt würde in Frage gestellt, die gesamte EU stünde auf der Kippe. Ich bin froh, dass es die Währungsunion gibt. Und noch etwas: Die EU und der Euro als verbindender Kern bleiben eine Erfolgsgeschichte, trotz aller Kritik. Die EU hat die politischen Wunden nach dem Zweiten Weltkrieg geheilt, den Nationalismus überwunden, Deutschland mit seinen Nachbarn im Westen und im Osten versöhnt und zu einer historisch vergleichslos langen Zeit des Friedens und der Sicherheit in Europa geführt. Das darf bei allem Europa-Pessimismus nie vergessen bleiben!

mm: Dennoch: Dies ist zweifellos die größte Bewährungsprobe für die gemeinsame Währung.

Straubhaar: Absolut. Die Lage ist kritisch. Der Euro wird an Stabilität verlieren. Wir werden die Zeche für die hohe Verschuldung im Euro-Land insgesamt zahlen müssen. Aber ich erwarte kein Auseinanderbrechen der Währungsunion. Auch die D-Mark hatte bessere und schlechtere Zeiten. Ich bin zuversichtlich, dass der Euro diese Krise überstehen wird. Aber damit das passiert, muss sich das Euroland institutionell fortentwickeln.

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Heft 04/2010

Euro-Krise
Europa kämpft um die Zukunft der Währungsunion. Damit der Euro überleben kann, müssen vor allem die Deutschen zahlen. Lesen Sie mehr dazu im aktuellen manager magazin 4/2010, ab Seite 88.

mm: Mit anderen Worten: Das in den 90er Jahren gegebene Versprechen - stabile Währung, stabile Staatsfinanzen, keine deutschen Steuergelder für andere Euro-Staaten - gilt nicht mehr.

Straubhaar: Dieses Versprechen ist zumindest in Frage gestellt, richtig. Die Welt hat sich dramatisch verändert, seit 1991 der Maastricht-Vertrag ausgehandelt wurde. Deshalb muss auch die EU sich weiterentwickeln. Und sie tut es ja auch, wie man jetzt bei den Hilfszusagen für Griechenland sieht. Bislang passiert das ungeplant, indem die Regierungen Ad-hoc-(Hilfs-)Maßnahmen beschließen. Künftig geht es darum, systematische Lösungen zu finden: Es geht kein Weg daran vorbei, dass die Währungsunion um einen gesamteuropäischen Transferstaat ergänzt werden muss.

mm: Klingt furchterregend. Was meinen Sie damit?

Straubhaar: Der große Konstruktionsmangel der Währungsunion besteht darin, dass es keine automatischen Stabilisatoren auf Euro-Land-Ebene gibt. Wird dieser Mangel nicht behoben, werden die Euro-Volkswirtschaften immer weiter auseinanderdriften. Und auch das ist klar: Ohne fiskalische Integration wird jede Währungsunion zerbrechen.

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